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Presseartikel zur Stolperstein-Aktion in Senftenberg

   

Die Tragik steht zwischen den Zeilen

von Nicole Nocon, Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

Briefe der Cottbuser Emigrantin Marianne Reyersbach veröffentlicht / Stolperstein für Bruder wird neu verlegt

Marianne Reyersbach und Werner Besch waren befreundet. Vielleicht hätten sie geheiratet, wenn die deutsche Geschichte sie nicht getrennt hätte. Die Cottbuser Jüdin emigrierte 1937 nach Guatemala, ihr arischer Freund aus Altdöbern blieb zurück. Marianne Reyersbachs Briefe an Werner Besch sind erhalten geblieben und jetzt in einem Buch erschienen.

In Cottbus erinnert nichts an die Frau, die gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Henriette der Verfolgung durch die Nazis entkam, indem sie ihre Heimat für immer verließ und 1937 auf die Finca eines Freundes nach Guatemala auswanderte. Marianne Reyersbach wurde im Jahr 1907 als Nesthäkchen in ein bildungsbürgerliches Elternhaus hineingeboren. Die Familie lebte in einem hübschen Jugendstilhaus (heute Karl-Liebknecht-Straße 30) unweit des Cottbuser Theaters, in dem sich ihr Vater Waldemar – ein selbstständiger Vertreter für Wolle, Garne und Fabrikbedarf – kaum eine Inszenierung entgehen ließ. Nach dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1916 zog die Familie in eine günstigere Wohnung in der heutigen Wilhelm-Külz-Straße um. Mit 19 Jahren begann Marianne, in der Senftenberger Kanzlei ihres älteren Bruders als Stenotypistin zu arbeiten. Dort lernte sie den Juristen Werner Besch kennen.

Bruder brutal ermordet

Den Senftenbergern ist der Name Reyersbach bis heute ein Begriff. Ein Stolperstein erinnert an Rudolf Reyersbach, Mariannes Bruder Rudi. Seit dem Jahr 1948 trägt eine Straße in der Stadt seinen Namen. Er blieb in Deutschland, als die Frauen seiner Familie nach Südamerika ausreisten. Am 10. November 1938 wurde er bei den von den Nazi koordinierten Ausschreitungen der Reichspogromnacht auf bestialische Weise ermordet. Der stadtbekannte Anwalt wurde an ein Pferdefuhrwerk gebunden und durch die Straßen der Stadt geschleift. Er starb im Polizeigefängnis.

In einem Brief an Werner Besch vom 21. Dezember 1938 erwähnt Marianne den Tod ihres Bruders, mit dem Besch befreundet war. Es sind nicht viel mehr als Andeutungen. Von "Herzschlag" ist die Rede und von der Hoffnung, dass "der arme Rudi nicht gequält worden ist". Dennoch sprechen aus Marianne Reyersbachs Zeilen Entsetzen, Angst und das Bewusstsein, dass andere mitlesen, was sie mit ihrem Freund austauscht. Im selben Brief bietet sie Besch an, ihre Verbindung abzubrechen.

In Marianne Reyersbachs Briefen ist wenig von dem die Rede, was sich in Deutschland in ihrer Abwesenheit zuträgt. Sie beschreibt vielmehr ihren Alltag in Guatemala, das Leben mit den Guatemalteken auf der Finca des Freundes. Meist zeichnet sie ein optimistisches Bild. Aus ihren Zeilen spricht die Dankbarkeit, Nazi-Deutschland entkommen zu sein. Sie will nicht klagen und den Freund nicht mit ihren Sorgen belasten. Statt in ihren Briefen zu jammern, setzt Marianne lieber einen Gedankenstrich und lässt vieles unausgesprochen. Es ist nicht zuletzt dieses Unausgesprochene, das die Korrespondenz Marianne Reyersbachs so interessant macht. Die Briefe lassen das Schicksal der in den Briefen erwähnten Menschen und gleichzeitig das Bild einer Zeit lebendig werden, in der es lebensgefährlich sein konnte, das auszusprechen oder niederzuschreiben, was man dachte oder fühlte. Einer Zeit, in der Freunde für immer auseinander gerissen wurden, in der Menschen ihre Heimat verlassen mussten, um zu überleben.

Briefe lange ungelesen

Die Germanistin Susanne Bennewitz hat die Briefe Marianne Reyersbachs und damit ihre Geschichte dem Vergessen entrissen. Werner Besch war ein entfernter Verwandter ihrer Familie. Die Briefe seiner nichtarischen Freundin sind im Familiennachlass ungelesen erhalten geblieben und schließlich in Susanne Bennewitz' Hände gelangt.

In dem Buch "Ein Zimmer in den Tropen" hat sie die Briefe jetzt herausgegeben. Ein umfangreicher Glossar, in dem Susanne Bennewitz biografische Hintergründe liefert und die Briefe historisch einordnet, ergänzt die Texte der Briefe und Postkarten. Mit der Veröffentlichung der Briefe der jüdischen Emigrantin hat die Herausgeberin auch Cottbus einen verschollenen Mosaikstein zurückgegeben, der zum Gesamtbild der Stadtgeschichte gehört.

Die Korrespondenz von Marianne Reyersbach und Werner Besch reißt im Jahr 1940 ab. Über das weitere Schicksal Beschs ist wenig bekannt.

Marianne Reyersbach zog in den 1960er-Jahren von Guatemala in die Schweiz. Ihre Heimatstadt Cottbus hat sie nie wiedergesehen. Im Winter des Jahres 1987, kurz nach ihrem 80. Geburtstag, ist sie gestorben.

Zum Thema:

Am Mittwoch, dem 6. November, wird Susanne Bennewitz ihr Buch "Ein Zimmer in den Tropen – Briefe aus dem Exil in Guatemala 1937 bis 1940" (Hentrich & Hentrich Verlag) im Piccolo-Theater Cottbus vorstellen. Es lesen unter anderem die Direktorin des Kunstmuseums Dieselkraftwerk Ulrike Kremeier, Michael Schierack (CDU/MdL) und Schauspieler des Piccolo-Theaters.

Die Veranstaltung im Gedenken an die Pogromnacht beginnt um 19 Uhr. 75 Jahre, nachdem Dr. Rudolf Reyersbach während der Pogromnacht am 10. November 1938 auf dem Senftenberger Marktplatz zu Tode kam, wird sein Stolperstein neu verlegt. Darüber informiert Cathleen Bürgelt von der Aktionsgruppe "Stolpersteine für Senftenberg". Vor dem ehemaligen Wohnhaus am Steindamm 17, in dem sich auch die Kanzlei des Rechtsanwalts und Notars befand, wird der dort bereits im Juli 2007 durch den Künstler Gunter Demnig verlegte und Anfang dieses Jahres entwendete Stolperstein neu verlegt. Zuvor liest die Historikerin Dr. Susanne Bennewitz gemeinsam mit Eva Klein von der Arbeitsgruppe "Stolpersteine für Senftenberg" im Rathaus aus den Briefen von Marianne Reyersbach. Stolperstein-Verlegung für Dr. Rudolf Reyersbach in Senftenberg (Steindamm 17) 9. November, 15.30 Uhr Lesung im Rathaus, 14 Uhr

zum Artikel in der Lausitzer Rundschau (online)

 

Stolperstein wird ersetzt

Lausitz am Sonntag, Ausgabe Senftenberg

Zum Gedenken an das Schicksal des Senftenberger Rechtsanwalts und Notars Dr. Rudolf Reyersbach lädt die Stadt Senftenberg gemeinsam mit der Arbeitsgruppe „Stolpersteine für Senftenberg“ zu einer Nachverlegung des Stolpersteines für ihn ein.
Am 9. November um 15.30 Uhr wird vor dem ehemaligen Wohnhaus am Steindamm 17, der neue Stolperstein verlegt.

Der Notar ist im Zuge der Reichspogromnacht vor 75 Jahren in Senftenberg ermordet worden. Der ursprünglich im Juli 2007 verlegte Stolperstein wurde jedoch Anfang des Jahres entwendet. Zuvor findet ab 14 Uhr im Rathaus eine besondere Veranstaltung statt. Die Historikerin Dr. Susanne Bennewitz wird gemeinsam mit Eva Klein von der Arbeitsgruppe „Stolpersteine für Senftenberg“ aus den Briefen von Marianne Reyersbach, der Schwester des Notars, lesen. Sie hatte diese aus dem Exil in Guatemala an ihren Freund Werner Besch geschrieben. Marianne Reyersbach konnte rechtzeitig mit ihrer Mutter und einer Schwester von Cottbus nach Lateinamerika auswandern und so ihre Leben retten.

In der Korrespondenz steht die Abkürzung „S.“ für Senftenberg und meist für die schönere gemeinsame Vergangenheit. „Nicht nur Du denkst oft an S.“, schrieb sie ihrem Freund im Januar 1938. Sie beiden haben sich nie wiedergesehen, weil Richter Besch in den letzten Kriegsmonaten gefallen ist.

Der Eintritt ist frei.

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Senftenberger trauern um Reyersbach

von Heidrun Seidel, Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

Sohn des ermordeten jüdischen Anwalts im Alter von 82 Jahren verstorben

Senftenberg. Walter Reyersbach ist nach langer Krankheit am Sonnabend im Alter von 82 Jahren verstorben. Darüber hat die Familie das Mitglied der Arbeitsgruppe "Stolpersteine für Senftenberg", Eva Klein, informiert.

Walter Reyersbach war der Sohn des angesehenen jüdischen Rechtsanwalts und Notars Dr. Rudolf Reyersbach, der im Zuge des Novemberpogroms wie andere jüdische Bürger Senftenbergs am 10. November 1938 auf dem Marktplatz zusammengetrieben, erniedrigt und gequält worden war. Dr. Reyersbach wurde dabei bestialisch ermordet. Sein siebenjähriger Sohn Walter, der sich gerade in der Schule befand, bekam nichts von den grausamen Ereignissen mit. Dennoch veränderte sich sein Leben grundlegend. Die Mutter, Martha Reyersbach, verließ mit Walter dessen Heimatstadt Senftenberg.

Als der Künstler Gunter Demnig am 10. Juli 2007 am Steindamm 17 einen Stolperstein zum Gedenken an Dr. Rudolf Reyersbach verlegte, waren Walter Reyersbach und dessen Töchter Renate und Katrin dabei. "Für Walter Reyersbach war das anfangs gar nicht so selbstverständlich, denn er war nicht frei von Ängsten", berichten Eva Klein und Cathleen Bürgelt von der Arbeitsgruppe, die sich über den Tod des Mannes tief betroffen zeigt. "Ich rede nicht gern über diese Zeit", hatte er damals höflich, aber zurückhaltend im RUNDSCHAU-Interview gesagt. "Meine Mutter hat mich von allem ferngehalten, sie hat mich beschützt, wie eine Mutter nur beschützen kann", versuchte er zu erklären, woher in seinem Leben das Schweigen, der stille Rückzug in sich selbst, das Nie-auffallen-wollen, kommen. Er wollte wohl nichts wissen, nichts sagen, nicht anders – und schon gar nicht Jude sein. Doch Walter Reyersbach hat die Recherchen der Arbeitsgruppe "Stolpersteine für Senftenberg" unterstützt. In Gesprächen gab er Informationen über seinen Vater, aber auch Erinnerungen an die frühe Kindheit in Senftenberg weiter, und er unterstützte das Stolpersteinprojekt finanziell. Durch die Stolpersteinverlegung fand Walter Reyersbach Freunde in Senftenberg, und er besuchte die Stadt nun öfter.

zum Artikel in der Lausitzer Rundschau (online)

 

Zwei Stolpersteine erneut verlegt: Auf dem Marktplatz wird an Marianne Seidel und Dora Singermann erinnert

von Heidrun Seidel, Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

Auf der Gedenkveranstaltung der Stadt Senftenberg anlässlich des Gedenktages an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und des Völkermordes sind am Sonntag zwei Stolpersteine erneut verlegt worden.

Senftenberg. Sie war gerade blühende 36 Jahre alt, Mutter von vier Kindern und schwanger: Marianne Seidel, geborene Karpinski, gestorben am am 10. Juli 1933. Da hatte sie ein Martyrium hinter sich. Kurz nach der Machtübernahme durch die Nazis war die Stadtverordnete, die sich als Fraktionsführerin und SPD-Mitglied für die Ärmsten im damaligen Kreis Calau eingesetzt hatte, verhaftet worden. Obwohl sie schwanger und erkrankt war, ist sie im Schutzhaftlager schikaniert worden und starb an den Folgen. Ihre Beerdigung fand eine große Anteilnahme. Sehr viele Senftenberger gaben ihr beim Trauerzug Geleit.

Auch Dora Singermann ist ein Opfer der Nazis. Die kinderlose und von ihrem Mann getrennt lebende Frau war sehr arm. Im Novemberpogrom 1938 ist sie in Senftenberg schwer misshandelt worden. Die Augenzeugin Selma Rosenzweig beschreibt: "die alte […] Frau Singermann zogen die Banditen mit einem Handwagen unter Gebrüll und Geschrei, warfen sie oftmals um, und sie musste unter Schlägen wieder reinkriechen." Ihre Kleider hatten die Nazis zerrissen. Die Augenzeugin ging zu ihr und versprach ihr, Garn zum Flicken ihrer Kleidung zu besorgen. "Ich war auf dem Weg zu ihr mit dem Garn. Da treffe ich sie in der Bahnhofstraße, diese alte, gebrechliche Frau Singermann. Sie wurde von zwei Polizisten abgeführt. Vor ihr marschierte einer mit aufgepflanztem Gewehr, sie in der Mitte und hinter ihr auch ein Polizist mit aufgepflanztem Gewehr. Würde von diesem Anblick ein Foto bestehen, es würde ein ewiger Schandfleck für Senftenberg sein […]." Das letzte Lebenszeichen von ihr ist eine Vermögenserklärung. "Diese Erklärungen mussten die Jugend vor der Deportation ausfüllen", weiß Eva Klein. Die Senftenbergerin ist Initiatorin und Mitglied der Arbeitsgruppe "Stolpersteine für Senftenberg", die als wissenschaftliches Projekt bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung angesiedelt ist. Sie forscht zu den Lebensläufen und konnte bisher die Schicksale von 14 Personen rekonstruieren. Auch das von Dora Singermann, die vermutlich am 2. April 1942 von einem Sammellager in Frankfurt (Oder) ins Warschauer Getto deportiert worden ist.

An die beiden Frauen, die im inzwischen abgebaggerten Senftenberg-Flur gelebt haben, sollten Stolpersteine auf der Reppister Höhe erinnern. Doch nur kurz nach der Verlegung sind sie gestohlen – und damit das Leben der Frauen zum zweiten Mal mit Füßen getreten worden. Davon hatte eine Frauengruppe der Industriegewerkschaft Bergbau-Energie-Chemie gehört und auf ihrer Frauentagsfeier 2012 fast 500 Euro für neue Steine gesammelt. Die sind nun anlässlich des Gedenktages für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Völkermordes am Sonntag auf dem Senftenberger Marktplatz verlegt worden. Zunächst symbolisch, bis der gefrostete Boden ein festes Fundament ermöglicht. "Das ist eine gute Stelle", sagt Eva Klein. "Der Markt ist geschichtsträchtig. Hier ist zu jener Zeit viel Unrecht geschehen."

Zum Thema: Stolpersteine sind ein Projekt des Kölner Künstlers Günter Demnig, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, politisch Verfolgten und anderen Opfern im Nationalsozialismus wach hält. Im Jahr 2007 wurden in Senftenberg die ersten sechs Stolpersteine Steine verlegt für Dr. Rudolf Reyersbach am Steindamm 17, für Meta Sachs in der Taubenstraße 4, für Siegfried Marcus in der Fichtestraße 12, für Leo Zellner in der Eisenbahnstraße 20, für Wladislaus Pawlitzki in der Calauer Straße 29 in Senftenberg und für Otto Müller in der Otto-Müller-Straße 5 in Hörlitz. Im März 2011 kamen weitere acht Steine hinzu für Dora Singermann und Marianne Seidel am Aussichtspunkt Reppister Höhe, für Herta Röstel und Astrid Zellner in der Eisenbahnstraße 20, Ernestine Grünzeug und Nathan Klein in der Bahnhofstraße 23, für Rosalie Goldmann in der Bahnhofsstraße 22 , für Herbert Loewy am Markt 5. Auch in Großräschen erinnern seit im März 2011 22 Stolpersteine an die Opfer, so unter anderem an Edith, Bernhard und Ilse Gerechter, Felix Spiro, Kurt Mannheim, Berta Liebenstein und der Familie Laufer.

zum Artikel in der Lausitzer Rundschau (online)


Gedenken an einem besonderen Ort

von Heidrun Seidel, Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

Senftenberg: Mit acht neuen Stolpersteinen ist die am 10. Juli 2007 begonnene Form des Erinnerns am Dienstag in der Kreisstadt fortgesetzt worden. Damit wird in Senftenberg jetzt an 14 Frauen und Männer gedacht, die während der Nazizeit aus religiösen, politischen und anderen Gründen verfolgt worden sind.

Mit einer roten Rose in der Hand ist Sabine Lehmann (64) auf die Reppister Anhöhe gekommen. Sie will dabei sein, wenn der Kölner Künstler Günter Demnig einen Stein des Gedenkens für Marianne Seidel in die Erde setzt. Marinanne Seidel ist ihre Großmutter. Kennengelernt hat sie ihre Oma, eine mutige Senftenbergerin, allerdings nie. Die war als Fraktionsführerin der SPD im damaligen Kreis Calau kurz nach der Machtübernahme der Nazis verhaftet und misshandelt worden. Infolge dessen erkrankte die schwangere Frau und Mutter von vier Kindern schwer und starb bereits mit 37 Jahren am 10. Juli 1933. „Mein Vater war 13, als er die Mutter verlor“, berichtet Sabine Lehmann.

Etwa so alt wie Maxi-Patricia Kielmann heute. Sie ist mit ihrer Mitschülerin Jenny Schmidt und Lehrerin Vera Kaiser aus der Marianne-Seidel-Schule zur Stolperstein-Verlegung an diesen besonderen Ort gekommen. Der Tradition, vor den Häusern, in denen die Opfer ihre letzten normalen Wohnorte hatten, die Erinnerungssteine zu verlegen, lässt sich im Bergbauland nicht immer folgen. Marianne Seidel und Dora Singermann, an die auch auf dem Reppister Aussichtspunkt erinnert wird, haben in Senftenberg Flur gewohnt, einem Ort, der der Kohle weichen musste.

An ihn, an Rauno, Sauo oder Sedlitz-West erinnert die Anhöhe, jetzt auch an zwei Menschen, die in düsterer Zeit in Senftenberg zu Tode geschunden wurden.

Aus Berlin ist Jens-Henrik Lambart mit seiner Frau gekommen. Seine Mutter Astrid Zellner hatte mit ihren Eltern, der Nichtjüdin Herta Röstel und dem Juden Leo Zellner, in der Eisenbahnstraße 20 gelebt und seit der Machtergreifung Demütigungen und Misshandlungen erfahren. Die Eltern kamen um, Astrid überlebte in einem Unterschlupf. „Sie hat nie viel aus dieser Zeit erzählt“, sagt ihr ältester Sohn nachdenklich. Sie habe sich wohl selbst nicht gern erinnern wollen an die quälende Zeit ihrer Kindheit und Jugend. Sie glänzen in der Mittagssonne und ziehen die Blicke vieler Einwohner, die vom Wochenmarkt kommen, auf sich. Die ersten Stolpersteine gegen das Vergessen sind am Dienstag in der Stadt verlegt worden. Pfarrerin Dorothee Lange-Seifert hat sich dafür besonders engagiert.

Das Einlassen der extra angefertigten Steine in der Nähe der letzten Wohnorte der verfolgten Juden haben zahlreiche Großräschener mit großem Interesse verfolgt. Einige von ihnen können sich noch gut an die Namen und Schicksale der betroffenen Familien erinnern. Zu ihnen gehört Steffi Roick, die Patin ist für den Stolperstein für Armin Josef Gerechter.

Er ist 1899 in Klein Räschen geboren worden und wohnte in der Freienhufener Straße 2. 1930 übernahm er als Kaufmann das Kaufhaus, an das sich noch heute viele Großräschener erinnern. Armin Gerechter wurde am 10. November 1938 verhaftet und wenige Tage später ins KZ Sachsenhausen gebracht. Für den Zwansgsverkauf des Geschäftes wurde er entlassen. Er nutzte die Chance zum Untertauchen und zur Ausreise nach England. Das Kaufhaus steht heute leer. Seit gestern erinnert der Stolperstein auf dem Gehweg gegenüber an das Schicksal von Armin Gerechter.

Mit seiner Tochter Anne-Marit (22) und Sohn Erik (26) ist Matthias Riemann bei der Verlege-Aktion dabei. Die Familie wohnt seit 1988 in Großräschen. „Uns liegt es am Herzen, ein Zeichen zu setzen, damit die dunkle Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät“, erklärt Matthias Riemann, der zum Gemeindekirchenrat gehört. Familie Riemann ist Pate für den Stein von Kurt Mannheim, der im Haus direkt gegenüber von ihrem Zuhause in der Neuen Straße gelebt hat. Kurt Mannheim war Textilkaufmann. In der Nummer 19 der heutigen Neuen Straße befand sich sein Strumpf- und Kurzwaren-Geschäft. Er wurde 1938 in Schutzhaft genommen und kam, wie andere Großräschener Juden, ins KZ Sachsenhausen. Seine Spur verliert sich mit seiner Deportation nach Auschwitz im Jahre 1943. Sein Geschäft ist nie wieder eröffnet worden.

Solchen Familien, die die Geschichte Großräschens geprägt haben, ein bleibendes Denkmal zu setzen, hält Bürgermeister Thomas Zenker (SPD) für sehr wichtig. Er weiß aus Erzählungen seiner Großmutter, dass die Judenverfolgung in der Stadt spürbar war. An den Gleisen in Großräschen-Süd waren Abtransporte organisiert worden. „Die Erinnerung daran muss wachgehalten werden“, mahnt der Stadtchef.

Zum Thema: Stolpersteine halten nach einer Idee des Kölner Künstlers Günter Demnig die Erinnerung an Verfolgte in der Nazizeit wach. In Senftenberg hat sich besonders Eva Klein und in Großräschen Pfarrerin Dorothee Lange-Seifert dafür engagiert. hs

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Senftenberger verlegen sieben neue Steine gegen das Vergessen

von Heidrun Seidel, Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

Senftenberg: Die Bahnhofstraße 22 und 23, der Markt 5, die Eisenbahnstraße 20 von Senftenberg und der Aussichtspunkt Reppist sind neue Adressen für Stolpersteine, die auf Initiative der Arbeitsgruppe „Stolpersteine für Senftenberg“ am 22. März 2011 verlegt werden sollen.

Erinnert wird damit an Marianne Seidel und Dora Singermann, Herta Röstel und Astrid Zellner, Ernestine Grünzeug und Nathan Klein, an Rosalie Goldemann und Herbert Loewy. Sie sind während der Zeit des Nationalsozialismus aus religiösen, politischen oder anderen Gründen ausgegrenzt, verfolgt oder sogar ermordet worden. Ihre von der Arbeitsgruppe erforschten Biografien erzählen davon, wie sie aus ihrem Alltagsleben gerissen, gedemütigt oder misshandelt wurden und wie sich ihre Spur meist mit Deportationen in Vernichtungslager verloren hat. Seit 2006 erforscht die Arbeitsgruppe »Stolpersteine für Senftenberg« diese Schicksale. Sie setzt die Idee, die auf den Kölner Künstler und Bildhauer Gunter Demnig zurückgeht, um. Der sagt: »Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.«

Im Juli 2007 sind die ersten sechs Stolpersteine in Senftenberg und Hörlitz verlegt worden.

Nach dem Einsetzen an jeweiligen Standorten am 22. März zwischen 12 und 14 Uhr, an dem auch Angehörige der Opfer teilnehmen werden, wird es im Rathausfoyer eine von der Neuen Bühne Senftenberg und der Musikschule des Oberspreewald-Lausitz-Kreises gestaltete Feierstunde geben.

Für die Kosten der Verlegung - je Stein 95 Euro - braucht die Arbeitsgruppe noch Unterstützer. Spenden können auf das Konto der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg e.V., Konto 35 020 33 780, BLZ 160 50 000 (Mittelbrandenburgische Sparkasse), Stichwort: Spende Stolpersteine Senftenberg, überwiesen werden. Bewährt habe sich, so Arbeitsgruppen-Mitglied Cathleen Bürgelt, auch die Übernahme einer Patenschaft für einen Stein. Am gleichen Tag werden in Großräschen erstmals Stolpersteine verlegt. Heidrun Seidel

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Stolpersteine gegen das Vergessen

von Heidrun Seidel, Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

Senftenberg/Großräschen: Voraussichtlich 27 neue Stolpersteine sollen am 22. März im Süden des Oberspreewald-Lausitz-Kreises verlegt werden, erstmals auch in Großräschen.

Felix Spiro war 28 Jahre alt. Er hatte den Beruf des Uhrmachers im elterlichen Geschäft in Großräschen gelernt und schließlich die Senftenberger Zweigstelle übernommen. Dieser ganz normale Anfang eines Lebens fand ein jähes Ende, denn: Felix Spiro lebte als Jude in den 30er-Jahren in Deutschland. Bereits 1933 wurde er deshalb, und weil er Widerstand gegen die Nazis organisiert hatte, verhaftet. Als er 1935 ein weiteres Mal festgenommen wurde, nahm er sich das Leben - aus Furcht, unter Folterqualen die Namen seiner Mitstreiter in einer Widerstandsgruppe zu verraten.

Felix Spiro gehört wie Martha Spiro, Berta Liebenstein, Mosche Schalom und Frieda Laufer, Marja Major, Irma Laura Kassel, Edith Johanna Bernhard, Ilse Cäcilie Bernhard und weitere Frauen und Männer - insgesamt 22 - zu von den Nazis Verfolgten, an die durch Stolpersteine erinnert werden soll. Vor deren letzten Wohnorten oder, falls das nicht möglich ist, an anderer Stelle in der Stadt, sollen die extra angefertigten Steine in die Fußwege eingelassen werden. Dafür eingesetzt hat sich Pfarrerin Dorothee Lange-Seifert, die viel recherchiert und biografische Daten zusammengetragen hat. »Es wäre schön, wenn jene Großräschener, die eigene Erinnerungen haben, noch zur Vervollständigung beitragen würden«, hofft sie.

Bisher ist geplant, Steine in der Rudolf-Breitscheid-Straße 26 für Familie Spiro, in der Freienhufener Straße 2 für die Betroffenen der Familien Gerechter und Bernhard, in der Neuen Straße 19 für den Kaufmann Kurt Mannheim und an der Bückgener Hinweistafel auf den IBA-Terrassen für vier Mitglieder der Familie Sachs am 22. März zu verlegen.

Am gleichen Tag werden zu den bereits vorhandenen sechs Stolpersteinen in Senftenberg sieben weitere, so für Rosalie Goldemann und Herta Röstel, hinzukommen. Eva Klein, Cathleen Bürgelt, Manfred Schwarz, Sewan Latchinian und weitere Mitglieder der Arbeitsgruppe »Stolpersteine für Senftenberg« haben dafür die Vorbereitungen getroffen.

Zum Thema: Stolpersteine - das ist ein Projekt des Kölner Künstlers Günter Demnig, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, politisch Verfolgten und anderen Opfern im Nationalsozialismus wach hält. Senftenberg war die 254. Kommune, die sich dieser Aktion auf Initiative einer Arbeitsgruppe um Eva Klein anschloss. Jetzt kommt durch das Engagement von Pfarrerin Dorothee Lange-Seifert Großräschen hinzu. hs

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Auf der Suche nach Orten gegen das Vergessen

von Heidrun Seidel, Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

Senftenberg: Sieben Stolpersteine sollen im nächsten Jahr in Senftenberg verlegt werden. So hat es sich die Arbeitsgruppe „Stolpersteine“, die sich seit 2006 für die kleinen „Monumente gegen das Vergessen“ engagiert, vorgenommen.

Das Kunstprojekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig erinnert an das Schicksal der Menschen, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben worden sind.

In Senftenberg sind seit Juli 2007 Stolpersteine für Dr. Rudolf Reyersbach am Steindamm 17, für Meta Sachs in der Taubenstraße 4, für Siegfried Marcus in der Fichtestraße 12, für Leo Zellner in der Eisenbahnstraße 20, für Wladislaus Pawlitzki in der Calauer Straße 29 und für Otto Müller in der Otto-Müller-Straße 5 in Hörlitz zu finden.

Inzwischen hat die Arbeitsgruppe auch die Lebensgeschichten von Dora Singermann, Marianne Seidel, Herta Röstel, Astrid Zellner, Ernestine Grünzeug, Herbert Loewy und Rosalie Goldemann erforscht. Für diese will sie im März 2011 Stolpersteine auch in die Gehwege legen, die an deren Wohnungen vorbeiführen. Bei zweien wird das aber zum Problem: Dora Singermann und Marianne Seidel stammen aus Rauno, einem Ort, den die Bagger geschluckt haben. Dem Ansinnen des Projekts, die Erinnerung am letzten frei gewählten Wohnsitz lebendig zu halten, kann so nicht Rechnung getragen werden. Weder Häuser, noch Straßen gibt es, ganz Rauno ist von der Landkarte verschwunden und heute Bergbaufolgelandschaft zwischen Senftenberg und Ilse-See Großräschen. Für Uta Franke, die das Projekt für den Kölner Künstler bisher koordiniert, ist das eine neue Herausforderung. »Ich kann mir aber vorstellen, dass wir ähnlich verfahren wie in baulich völlig veränderten Städten und die Steine an eine gute Stelle in Blickrichtung der früheren Orte verlegen.« Für Mitglieder der Arbeitsgruppe könnte das die Reppister Höhe sein. Hier erinnern Findlinge an frühere Brikettfabriken, aber auch teilweise an Orte, die dem Bergbau weichen mussten. Die Arbeitsgruppenmitglieder glauben, dass an dieser Stelle auch die Stolpersteine statt mit der üblichen Aufschrift »Hier wohnte« mit den Worten »In . . . wohnte« Platz finden könnten. Jetzt sind die Initiatoren mit dem Eigentümer des Geländes, dem Naturschutzfonds Brandenburg, dazu im Gespräch.

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"Und plötzlich wurde all das ausgelöscht"

von Heidrun Seidel, Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

Senftenberg: Ab März 2011 sollen Stolpersteine an weitere sieben Menschen erinnern, die in Senftenberg gelebt haben und von den Nazis ermordet wurden. Eine, die sich für Stolpersteine engagiert, ist die berentete Lehrerin Eva Klein (64). Schon 2007 waren auf ihre Initiative sechs Steine verlegt worden.

»Es geht doch nicht um mich.« Eva Klein wehrt bescheiden ab. Nein, sie will nicht im Vordergrund stehen, wenn es um die Stolpersteine geht. Das Wichtigste ist doch, dass es bekannt wird und bleibt, was hier geschehen ist, sagt sie. Und doch sind es ihre Geschichte und ihr Handeln, die vor allem die Stolpersteine nach Senftenberg gebracht haben und bringen werden. Denn, was in der Nazizeit in Senftenberg geschehen ist, berührt Eva Klein bis ins Mark: Mehr als 30 jüdische Menschen haben in den 30er-Jahren in Senftenberg gelebt. Sie waren anerkannt, führten Geschäfte, waren Mitglieder in Vereinen oder Parteien. Und sie hatten Nachbarn und Freunde. Sie waren integriert, würde es heute heißen. »Und plötzlich wurde all das ausgelöscht«, sagt Eva Klein.

Was das bedeutet, hat die 64-Jährige in der eigenen Familie erfahren. So wie jüdische Familien in Senftenberg lebten, waren ihre Großeltern, Hermann und Gertrud Cohn, im Städtchen Rotenburg an der Wümme (Niedersachsen) mit ihren beiden Töchtern zu Hause. Die Mädchen gingen zur Schule, spielten mit Freunden aus der Nachbarschaft, ihre Eltern betrieben ein angesehenes Textilgeschäft mit klassischen Stoff- und Seidenverkauf und brachten sich ins städtische Leben ein. Bis 1933, als die Nazis an die Macht kamen. Jahrelange Schikanen, in denen den Juden immer mehr Bürgerrechte aberkannt und ihnen so Schritt für Schritt die Existenz genommen war, folgten. Den beiden Töchtern war es gelungen, bis 1939 unter vielen Entbehrungen das Land zu verlassen. Sie überlebten. Die Jüngere ist Eva Kleins Mutter, Hildegard geborene Cohn. Sie hat noch bis Januar 1943 in ihrer Londoner Emigration knappe Rote-Kreuz-Briefe von ihren Eltern bekommen - und von da an vergebens auf Nachrichten gewartet. »Was das für sie bedeutet haben muss«, sagt Eva Klein nachdenklich. Die Großeltern waren 1943 nach Auschwitz deportiert und umgebracht worden.

In Rotenburg kam Eva Klein schließlich mit der Stolperstein-Idee erstmals in Berührung. 2005 begleitete sie ihre jetzt 91 Jahre alte Mutter in deren alte Heimat. Sie war eingeladen zur Verlegung von Stolpersteinen, die an ihre Familie erinnern. Für Eva Klein war das der Anstoß, sich auch in ihrem Wohnort Senftenberg für diese Idee des Kölner Aktionskünstlers Günter Demnig starkzumachen. Erst recht, als im Dezember 2005 junge Nazis durch die Stadt liefen. Jene, die gern selbstgefällig den Holocaust leugnen. Das konnte sie nicht ertragen. Da musste sie sich wehren. »Damals ahnte ich allerdings noch nicht, wie schwer es werden würde, die Namen und Geschichten der Deportierten herauszufinden«, betont Eva Klein.

Unterstützt von Senftenbergern wie unter anderen Pfarrer Manfred Schwarz, Cathleen Bürgelt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und ihrem Mann Siegfried Klein recherchierte sie in zahlreichen Büchern, besuchte Archive und sprach mit vielen Menschen. Jedem noch so kleinen Anhaltspunkt ging die Lehrerin, die zuletzt am Finsterwalder Sängerstadt-Gymnasium Deutsch und Englisch unterrichtet hatte, akribisch nach. 2007 wurden schließlich die ersten sechs Stolpersteine verlegt. 2011 sollen sieben weitere in Senftenberg hinzukommen.

Zum Thema: Stolpersteine sind ein Projekt des Kölner Künstlers Günter Demnig, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, politisch Verfolgten und anderen Opfern im Nationalsozialismus wach hält. Bisher wurden Steine verlegt für Dr. Rudolf Reyersbach am Steindamm 17, für Meta Sachs in der Taubenstraße 4, für Siegfried Marcus in der Fichtestraße 12, für Leo Zellner in der Eisenbahnstraße 20, für Wladislaus Pawlitzki in der Calauer Straße 29 in Senftenberg und für Otto Müller in der Otto-Müller-Straße 5 in Hörlitz. Neue Steine sind in Senftenberg vorgesehen für Dora Singermann, Marianne Seidel, Herta Röstel, Astrid Zeller, Ernestine Grünzeug, Herbert Loewy und Rosalie Goldemann. In Großräschen recherchiert eine Gruppe um Pfarrerin Dorothee Lange-Seifert die Geschichten von Edith, Bernhard und Ilse Gerechter, Felix Spiro, Kurt Mannheim, Berta Liebenstein und der Familie Laufer.

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Dort habe ich meinen Vater zum letzten Mal gesehen

von Eva Klein, Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

Am morgigen Sonntag jährt sich die Reichspogromnacht zum 70. Mal. Auch in der Niederlausitz wüteten die Faschisten gegen jüdische Menschen, Firmen und Institutionen. Besonders in Senftenberg haben sich am 10. November 1938 bestialische Szenen abgespielt. Dabei kam der Rechtsanwalt Dr. Rudolf Reyersbach ums Leben. Er war eines der 92 Todesopfer des Novemberpogroms in Deutschland.

"Dort habe ich meinen Vater zum letzten Mal gesehen", sagte Walter Reyersbach, als mein Mann und ich vor ein paar Tagen mit ihm und seiner Lebensgefährtin am Krankenhaus in Senftenberg vorbeikamen. Er zeigte auf die Leichenhalle, zu der seine Mutter mit dem damals siebenjährigen Jungen an einem Novembertag des Jahres 1938 gegangen war, um Abschied vom Vater und Ehemann zu nehmen. Rudolf Reyersbach war aber nicht, wie seine Frau dem Kind erzählte, an einer Krankheit gestorben. Er war ermordet worden.

"Kein anderes Ereignis in der überlangen Reihe antisemitischer Verfolgung bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges hat sich derartig als Schandmal in die deutsche Geschichte eingebrannt wie das reichsweite Novemberpogrom des Jahres 1938.

Die Gründe liegen in der bis dahin unvorstellbaren Brutalität, der eigenartigen Mischung aus geplantem und befohlenem Handeln und der spontanen Gewaltorgie des faschistischen Mobs", schreibt der Autor Rainer Ernst in den "Beiträgen zur jüdischen Geschichte in der Niederlausitz".

Geplante AktionDie Befehle zur Durchführung des Pogroms in der Niederlausitz wurden von der Leitstelle der Geheimen Staatspolizei in Frankfurt/Oder an die Landratsämter und von dort an die Bürgermeister und Ortspolizeiverwaltungen geschickt. Ein Funkspruch der "Stapo"-Frankfurt/Oder, den das Landratsamt in Calau am 10. November 1938 um 10.10 Uhr durchgab, belegt, dass es sich um eine geplante Aktion handelte.

Am Abend des 9. November 1938 nahmen die SA-Leute der Region im Gesellschaftshaus in Senftenberg an einer "Gefallenenehrung" teil, die Obersturmbannführer Hudewentz leitete. Die Gedenkrede hielt Hoheitsträger PG Blechen, schreibt der Senftenberger Anzeiger. Infolge der massiven Hetzkampagne gegen die Juden spielten sich am Morgen des 10. November bestialische Szenen in Senftenberg ab. Die unmenschlichen Befehle der Gestapo wurden mit brutaler Gewalt und ohne Beachten der verlangten Einschränkungen ausgeführt. Jüdische Geschäfte wurden verwüstet und geplündert. Die jüdischen Bürger und auch nicht- jüdische Angehörige, darunter Kinder und alte Leute, hat man aus ihren Wohnungen gezerrt und auf dem Marktplatz zusammengetrieben.

Einer von 92 Toten Hunderte Menschen sahen zu, wie sie von SA-Schlägern und aufgeputschten Anhängern verhöhnt und grausam gequält wurden. Besonders brutal ging der nazistische Mob gegen den Rechtsanwalt Dr. Rudolf Reyersbach vor, der noch am selben Tag im Senftenberger Polizeigefängnis an den erlittenen Verletzungen verstarb. Er gehört zu den 92 Todesopfern des Novemberpogroms in Deutschland.

Nicht erfasst sind die Opfer, die noch Monate oder Jahre später den Misshandlungen erlagen. Aus Senftenberg betraf das Herta Röstel, die nicht jüdische Lebensgefährtin des Leo Zellner, die versucht hatte, ihren infolge eines Unfalls schwer behinderten Partner vor den Schlägen der Nazis zu schützen. Astrid Zellner, ihre gemeinsame Tochter, schrieb im Jahr 1955 in einem Lebenslauf: "Meine Mutter verstarb an den Folgen der Misshandlungen des 9. November 1938 (Kristallnacht) am 26. April 1941."

Darüber hinaus wurde die Synagoge in Cottbus abgebrannt. Die Kosten für die Beräumung des Schutts musste die Synagogengemeinde, der auch die Senftenberger Juden angehörten, selbst tragen, so wie die Schäden der Pogromnacht insgesamt der jüdischen Bevölkerung angelastet wurden. Sie hatten eine "Sühneleistung" von einer Milliarde Reichsmark zu zahlen.

Die jüdischen Bürger und auch Angehörige wurden in das Senftenberger Polizeigefängnis gesperrt. Einige Ältere wurden laut Augenzeugenberichten im Wildschweingehege des Tierparks und in der Baracke in der Forststraße gefangen gehalten. Unterlagen über die Verhaftungen sind nicht mehr vorhanden. Deshalb weiß man nicht, ob Senftenberger Juden vom Gefängnis in ein Konzentrationslager (KZ) überführt wurden, um zu erreichen, dass sie ihren Besitz aufgaben und ausreisten. Fakt ist, dass einige Bürger jüdischen Glaubens, die in Senftenberg lebten, Deutschland bald darauf verließen. So reiste der Kaufmann Nathan Klein am 20. April 1939 nach Haifa (Israel) aus.

Es gab aber auch Senftenberger, die es riskierten, jüdischen Menschen und ihren Angehörigen zu helfen. Selma Rosenzweig, die nicht jüdische Ehefrau des Saul Rosenzweig, entging der Verhaftung am 10. November nur, weil eine Nachbarin sie warnte, dass SA-Leute auf dem Weg zu ihr waren.

Die Beschäftigung mit Geschichte ist immer auch ein Eingreifen in Aktuelles. Das war kürzlich in einer Klasse der Förderschule in der Usedomer Straße zu erleben, in die ich eingeladen worden war, um mit den Kindern über die vertriebenen und ermordeten jüdischen Bürger Senftenbergs zu sprechen und gemeinsam zu den Stolpersteinen zu fahren.

Ich konnte an das Theatererlebnis "Anne-Frank-Tagebuch" anknüpfen. Die Lehrerin hatte die Schüler sehr gut auf das Theaterstück und die damit verbundene Problematik der Judenverfolgung in der NS-Zeit vorbereitet und mit ihnen auch über Neonazis gesprochen. Die Kinder waren sehr interessiert und erstaunlich konzentriert.

Eva Klein ist Leiterin der AG "Stolpersteine"

zum Artikel in der Lausitzer Rundschau (online)


Naziverbrechen aufgezeigt

von Oliver Sobe, Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

17 große Schautafeln und andere Gegenstände im Foyer des Senftenberger Rathauses zeigen bis Mitte Februar ein perfides Kapitel der deutschen Geschichte. Die vom Kreismuseum Finsterwalde konzipierte Wanderausstellung «Gestern sind wir gut hier angekommen – Juden in der Niederlausitz» dokumentiert, wie hierzulande unter der nationalsozialischen Gewaltherrschaft aus jüdischen Nachbarn urplötzlich Opfer von Gewalt und Erniedrigung wurden. Ergänzende Forschungsergebnisse der lokalen Arbeitsgruppe Stolpersteine belegen, dass der Naziterror an Juden auch in Senftenberg beklemmende Historie darstellt.

«Es ist ganz wichtig, vor allem Jugendliche in den Schulen mit diesen Ereignissen aus der Vergangenheit zu konfrontieren» , sagt Eva Klein, Leiterin der lokalen Arbeitsgruppe Stolpersteine, am Freitagnachmittag kurz nach Eröffnung der Ausstellung. Die Schautafeln thematisieren das jüdische Leben in Cottbus, Calau oder Finsterwalde vor und in der Hitlerzeit. Sie beschäftigen sich mit der Pogromnacht vom 9. November 1938 oder erinnern an die Enteignung der jüdischen Petschek-Gruppe, zu der einst auch die Ilse Bergbau AG gehörte.

Robert Emmerich (19), Falk Schröder (18) und Susann Ruhland (18) vom Senftenberger Friedrich-Engels-Gymnasium gehören am Freitag zu den wenigen jungen Menschen inmitten der Vitrinen im Rathaus. Der Nationalsozialismus sei kurz vor dem Abi gerade Thema im Fach Geschichte, beschreibt Robert sein Interesse. «Aus der Region steht nur wenig im Schulbuch. Und daher frage ich mich gerade, wie auch in dieser Gegend Menschen so töricht sein konnten, das sinnlose Abschlachten von Juden zu organisieren» , meint der Dreizehntklässler.
Später am Abend ist beim 9. Senftenberger Holocaust-Kolloquium der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg das Bürgerhaus Wendische Kirche gut besucht. Die lokale Arbeitsgruppe Stolpersteine zieht auch eine Zwischenbilanz. Inzwischen seien die früheren Lebenswege von etwa 30 Juden aus Senftenberg mehr oder weniger erforscht. «Vor der Machtübernahme durch die Nazis waren die jüdischen Menschen ins städtische Leben eingebunden. Rechtsanwalt Dr. Rudolf Reyersbach war in der Weimarer Zeit zum Beispiel ein äußerst angesehener Mitbürger» , erinnert Eva Klein. Beim Pogrom im November 1938 quälte der braune Mob dann Reyersbach bestialisch zu Tode. Sechs Stolpersteine zur Erinnerung an jüdische Opfer der Nazis wurden im Juli in Senftenberg und Hörlitz verlegt (RUNDSCHAU berichtete). «Es werden 2008 und 2009 weitere Stolpersteine folgen» , so Eva Klein. Außerdem wolle die Arbeitsgruppe eine Erinnerungsbroschüre für Senftenberger Schulen erarbeiten.

Bis 15. Februar ist die Ausstellung zum jüdischen Leben in der Niederlausitz zu folgenden Zeiten im Foyer des Senftenberger Rathauses zu sehen: Montag und Mittwoch von 9 bis 12 und 13 bis 16 Uhr, dienstags von 9 bis 12 und 13 bis 18 Uhr, donnerstags von 9 bis 12 und 13 bis 16.30 Uhr sowie freitags zwischen 9 und 12 Uhr. Begleitend können die Besucher eine Publikation käuflich erwerben.

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Stolpersteine und Erinnerungen

Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

Senftenberg: Seit fast zwei Jahren erforscht eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern die Geschichte von Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in der Stadt Senftenberg verfolgt wurden.

Im Ergebnis wurden im Juli dieses Jahres sechs Stolpersteine verlegt, die in Senftenberg und in Hörlitz an Verfolgte und Ermordete erinnern.
Die Idee geht auf den Kölner Künstler und Bildhauer Gunter Demnig zurück: Vor dem letzten selbst gewählten Wohnort der betroffenen Personen werden kleine Messingtafeln mit dem Namen in den Gehweg eingelassen.

Die Stolperstein-Aktion und die Erforschung der Geschichte ist Thema eines Informations- und Gesprächsabends, der morgen, 9. November, um 19 Uhr im Bürgerhaus Wendische Kirche in Senftenberg stattfindet. Nach Angaben von Pfarrer Manfred Schwarz werde über die Gründe gesprochen, warum dieses Gedenken jetzt – 70 Jahre nach den Ereignissen – geschieht. Wer waren die Menschen auf den Gedenksteinen in Senftenberg« Wie sah das Schicksal der Geretteten aus» Zu diesen und weiteren Fragen werde es Antworten geben. Außerdem werden Fotos und Dokumente zu sehen sein.

Die Diskussion findet im Rahmen der Ökumenischen Friedensdekade 2007 statt. Der Eintritt ist frei.  (red)

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Danke für Stolpersteinaktion

von Eva Klein, Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

Die Initiatorin der Stolpersteinaktion in Senftenberg, Eva Klein, dankt allen, die die Aktion erst möglich germacht haben.

Sie schreibt:

Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung für die Senftenberger Opfer der nationalsozialistischen Diktatur wurden vor sechs Wohnhäusern Stolpersteine für sechs jüdische und politisch verfolgte Bürger unserer Stadt verlegt, die zwischen 1933 und 1945 von den Nazis ermordet wurden oder in den Tod geflüchtet sind. Die Stolpersteinverlegungen sowie die wirkungsvolle Feierstunde im Rathaus konnten realisiert werden, weil diese Idee von Anfang an durch Bürger und Persönlichkeiten unserer Stadt sowie die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Neue Bühne, die Arbeitsgemeinschaft «Lisa» , die evangelische Kirchengemeinde, die Stadtverwaltung und das Kreismuseum unterstützt wurde. Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen, Parteien und Organisationen setzten sich dafür ein. Zahlreiche Spenden zur Finanzierung der Stolpersteine wurden von Bürgern und der evangelischen Kirchengemeinde überwiesen. Bisher ist dadurch eine Summe von über 1000 Euro zusammengekommen. Damit können fünf weitere Stolpersteine bezahlt werden. Im Namen der Arbeitsgruppe und der Angehörigen der Opfer bedanke ich mich herzlich bei allen Spendern.

Vielen Dank auch an alle, die sich für die Stolpersteine engagierten und die Feierstunde gestalteten. Stellvertretend möchte ich die folgenden Personen nennen: den Landtagsabgeordneten Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann und Cathleen Bürgelt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, den Intendanten der Neuen Bühne, Sewan Latchinian, den Pfarrer Manfred Schwarz, den Bürgermeister Andreas Fredrich und Monika Auer von der Stadtverwaltung, den Künstler Gunter Demnig, den Sänger Rainer Lemke, Steffen Kober vom Stadtarchiv Cottbus sowie die Hobby-Historiker Werner Forkert und Hans Grune.

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Warum habe ich keinen Großvater?

von Heidrun Seidel, Lausitzer Rundschau

Für den im November 1938 in der Pogromnacht in Senftenberg zu Tode gequälten Rechtsanwalt Dr. Rudolf Reyersbach hat der Kölner Künstler Gunter Demnig auf Initiative einer Senftenberger Aktionsgruppe in dieser Woche einen Stolperstein in den Bürgersteig des Steindamms 17, dem letzten frei gewählten Wohnsitz der Familie, eingelassen. Walter Reyersbach (76), der Sohn des Ermordeten, und die Enkeltöchter Renate (41) und Katrin (37) waren mit ihren Kindern dabei.

«Ich rede nicht gern über diese Zeit» , sagt Walter Reyersbach höflich, aber zurückhaltend. Sogleich durchsuchen seine Augen die Menschenmenge, die sich um den in den Bürgersteig eingelassenen Stein gruppiert hat. Schließlich finden sie erleichtert bei einer zierlichen Frau Halt. Es ist Eva Klein, 61, seit zwölf Jahren Senftenbergerin, Lehrerin im Ruhestand. Sie hat in der Südbrandenburger Kreisstadt an die Geschichte der einstigen jüdischen Bürger und anderer Opfer der Nazi-Diktatur erinnert und angeregt, dass auch in Senftenberg Stolpersteine die Erinnerung am Leben halten sollen. Wenn sie erklärt, warum sie das tut, richtet sie sich gerade auf, und ihre Stimme klingt entschlossen: Im Dezember 2005 zogen neue Nazis durch Senftenberger Straßen. Ein breites Bündnis aus Menschen unterschiedlicher Denk- und Glaubensrichtungen wehrte sich dagegen. «Wir waren mehr, und wir waren lauter. Und das muss so bleiben.» Keinen Zentimeter Freiraum dürfe man denen überlassen. Und deshalb müsse die Erinnerung, was aus solchen Anfängen werden könne, auch wach gehalten werden.

Schmerz der Generationen

Was daraus werden kann, weiß Eva Klein aus der eigenen Familie nur zu gut. Ihre jüdischen Großeltern sind in Auschwitz vergast worden. Stolpersteine erinnern in Rothenburg an der Wümme daran. Diese Familiengeschichte hat ihr Leben beeinflusst.
Auch die Familiengeschichte der Reyersbachs prägt Kinder, Enkel, Urenkel. Rudolf Reyersbach ist eines der Opfer, an die die Senftenberger jetzt wieder erinnert werden. Als Sohn eines jüdischen Kaufmanns war Rudolf Reyersbach 1887 in Cottbus geboren worden. Nach dem Abitur zog er für Deutschland als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg. Danach studierte er Jura und arbeitete schließlich seit Mitte der 20er-Jahre als Rechtsanwalt und Notar in Senftenberg. Geachtet und anerkannt im Städtchen. Als die Nazis am 1. April 1933 allen Juristen jüdischer Herkunft die Ausübung ihres Berufs verboten, setzten sich immer wieder Menschen für ihn ein und ermöglichten ihm die – wenn auch deutlich erschwerte – Weiterarbeit zwischen den Verboten, Repressalien und Demütigungen. Doch, so haben es die Senftenberger Geschichtsforscher zusammengetragen, in Nazi-Kreisen blieb er verhasst. Auch, weil er linksorientierte Frauen und Männer in Prozessen vertrat. Am 9. und 10. November 1938 schließlich entlud sich wie in ganz Deutschland auch in Senftenberg der geschürte Hass der grölenden Horden. Sie zerrten jüdische Bürger aus ihren Wohnungen und trieben sie auf den Marktplatz. Den damals 41 Jahre alten Reyersbach quälte der Nazi-Mob zu Tode. Sein Sohn Walter war noch nicht einmal sieben Jahre.

Die Enkelinnen

Renate Reyersbach ist mit 41 Jahren heute so alt wie ihr Großvater damals. Die bei Regensburg lebende Psychotherapeutin ist mit ihren drei Kindern Jonathan (11), Naemi (10) und Anna (3) nach Senftenberg gekommen. «Warum habe ich keinen Großvater» , wollte Renate ebenso wie ihre Schwester Katrin schon als Kind wissen. Freunde, Mitschüler, Spielgefährten – sie alle hatten ihre Großväter, die sie verwöhnten, mit ihnen spielten. Die Reyersbach-Mädchen nicht. Der eine war im Krieg den vermeintlichen Heldentod gestorben, der andere zuvor zu Tode gehetzt und so Nazi-Opfer geworden. Vielleicht, so grübelt die Mutter, sind meine Mädchen eine Symbiose aus Täter und Opfer. «Wir wissen es nicht genau.» Vielleicht ist ihnen deshalb der Stolperstein auch so wichtig. Ein Stein der Versöhnung. Ein Stein zur Mahnung.

«Ich habe diesen Großvater sehr vermisst, obwohl ich ihn nie kennengelernt habe» , sagt Renate Reyersbach nachdenklich. «Heute will ich ihm näherkommen.» Jonathan und Naemi verfolgen die Gespräche von Mutter und Tante mit großen Augen und vielen Fragen. «Warum hatten die Menschen etwas gegen euren Opa, was heißt SS, was bedeutet, ’zu Tode geschleift’» , wollen sie wissen. Geschichte wird mit einem Mal ganz wirklich, hautnah. Renate und ihre Schwester Katrin antworten geduldig auf die Fragen der Kinder.
Beide Frauen gehen – wenn wohl auch unbewusst – in Großvater Rudolfs Spuren durchs Leben. Katrin Synofzik hat wie er Jura studiert, und Renates Berufswahl, so glaubt sie selbst, hat mit dem traumatischen Einschnitt in die Familiengeschichte zu tun, der über Jahre und über die Generationen hinweg verunsicherte und ängstigte. «Als ich jünger war, hatte ich noch Angst zu sagen, dass mein Großvater Jude war» , gesteht Renate, wie weit die Schatten der Vergangenheit in die Gegenwart reichen. «Wir sind mit dem Schweigen groß geworden. Unser Vater hat nie viel erzählt. Und wenn er dann doch mal sprach, dann davon, dass er unheimlich viel Glück gehabt habe, die Nazi-Zeit zu überstehen. Von ihm wird es keine Vorwürfe geben. Er sieht immer das Gute.»

Schützende Stille

«Meine Mutter hat mich von allem ferngehalten, sie hat mich beschützt, wie eine Mutter nur beschützen kann» , versucht Walter Reyersbach zu erklären, woher das Schweigen, der stille Rückzug in sich selbst, das Nie-auffallen-Wollen, kommen. Er wollte wohl nichts wissen, nichts sagen, nicht anders – und schon gar nicht Jude sein. Dabei hatten jüdischer Glauben und Traditionspflege bei den Reyersbachs keine Rolle gespielt. Um so mehr mag sich wohl auch sein Vater gefragt haben, warum er zum verhassten Außenseiter geworden ist. Schließlich war er doch im Krieg für dieses Land, kam verletzt zurück, war guter Nachbar, Kollege, Freund. Na und – auch Jude. Aber was macht das schon. Wenn religiöse Strukturen den Menschen Halt und Sicherheit geben, ist das doch in Ordnung, philosophieren Renate und Katrin. Für sich und ihre Kinder wollen sie verstehen, was da passiert ist mit den Menschen im Deutschland der 30er-Jahre und was sie tun können, damit so etwas nicht noch einmal geschieht.

«Es gibt kein Patentrezept» , sagt Renate, die sich in ihrem Heimatort kommunalpolitisch einbringt und dabei auch auf junge Leute trifft, die Rattenfängern ins Netz gegangen sind. Bildung brauchen die und Halt, sagt sie. «Und Wissen, wo ihre Wurzeln sind» , ergänzt Katrin und blickt dabei liebevoll auf ihren acht Wochen alten Ruven. Als der im Schlaf lächelt, schaut Walter Reyersbach auf den jüngsten Enkel. Ein zärtlicher Blick eines Großvaters, der es sein darf.

Hintergrund Stolpersteine halten Erinnerung wach

Stolpersteine – das ist ein Projekt des Kölner Künstlers Günter Demnig , das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, politisch Verfolgten und anderen Opfern im Nationalsozialismus wach hält. Senftenberg ist die 254. Kommune , die sich dieser Aktion auf Initiative einer Arbeitsgruppe und mit Unterstützung des Regionalbüros Lausitz der Rosa-Luxemburg-Stiftung anschließt. Aus der Anonymität ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten sind seit dem Start im Jahr 2000 auch Opfer in den Lausitzer Städten Cottbus, Lübben, Guben und Bautzen. Verlegt werden Pflastersteine mit einer Messingplatte mit der Aufschrift «Hier wohnte . . .» vor den letzten frei gewählten Wohnsitzen der Nazi-Opfer.

 

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"Es waren Nachbarn, Kollegen, Freunde"

von Heidrun Seidel, Lausitzer Rundschau, Lokalausgabe Senftenberg

12 000 Stolpersteine holen bereits, so der Kölner Künstler Gunter Demnig, Ideengeber und Akteur, Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aus der Anonymität in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Senftenberg ist die 254. Kommune in Deutschland, die sich dieser Aktion anschließt.

Peter Pawlitzki schnürt es den Hals zu. Er schneuzt in sein Taschentuch und wischt die Tränen von den Wangen. Es geht dem fast 70-Jährigen nahe, als Gunter Demnig den Betonwürfel mit goldener Messingplatte im Bürgersteig der Calauer Straße verankert. «Wladislaus Pawlitzki» steht darauf. Und: Erschossen am 24. Januar 1940 in Sachsenhausen. «Das ist mein Opa» , sagt Peter Pawlitzki leise. «Hier hinten hat er gewohnt» , zeigt er auf den Hof in der Calauer Straße. «Ich habe auf seinen Schultern gesessen . . .» , kriegt er gerade noch heraus, ehe wieder die Tränen rollen.

Nach mehr als 65 Jahren ist die Wunde noch nicht verheilt. «Aber das heute hilft uns dabei.» Mit anderen Enkeln des Ermordeten ist der Senftenberger deshalb zur Verlegung der Stolpersteine gekommen.

Wladislaus Pawlitzki, der in der Grube «Marga» gearbeitet hatte, war schon 1933 mit anderen seiner Genossen in die Turnhalle I eingesperrt und misshandelt worden, hat die Arbeitsgruppe «Stolpersteine» um Eva Klein herausgefunden. Jahre mit Repressionen folgten – bis zur Ermordung.

Ähnlich bewegend sind auch die Geschichten der anderen Opfer, an die mit den Stolpersteinen erinnert wird. Renate und Katrin sind Enkelinnen des auf dem Senftenberger Marktplatz in der Reichspogromnacht zu Tode gequälten Rechtsanwaltes Dr. Rudolf Reyersbach. Sie sind mit ihren Kindern nach Senftenberg gekommen, um sich gemeinsam ihrer Wurzeln bewusst zu werden (die RUNDSCHAU berichtet noch), dessen, was und warum es passieren konnte.

Denn jene Opfer, «waren einmal Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde» , wie Eva Klein zur Feierstunde im Rathaus eindringlich formulierte, ehe sie zu Opfern wurden, schutzlos den grölenden Horden ausgeliefert.

Hintergrund Sechs Stolpersteine

Die Stolpersteine wurden verlegt für Dr. Rudolf Reyersbach am Steindamm 17, für Meta Sachs in der Taubenstraße 4, für Siegfried Marcus in der Fichtestraße 12, für Leo Zellner in der Eisenbahnstraße 20, für Wladislaus Pawlitzki in der Calauer Straße 29 in Senftenberg und für Otto Müller in der Otto-Müller-Straße 5 in Hörlitz. Die Arbeitsgruppe erforscht weiter die Geschichte der Nazi-Opfer. Im nächsten Jahr sollen Steine für jene Ermordeten verlegt werden, deren letzte Wohnungen in Rauno lagen. Dafür soll am Ende der Calauer Straße von Senftenberg eine Gedenkecke eingerichtet werden. In Vorbereitung ist eine Broschüre, die über die Schicksale der Opfer berichten wird.

 

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