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Jenseits des Weltschmerzes - Die »Ostrale« in Dresden verzeichnete 2016 einen Besucherrekord. Wie es weitergeht, ist offen

Beitrag in der Zeitung "neues deutschland" (Feuilleton, S. 15)

„Blut und Öl“ - Exponat des nigerianischen Künstlers Victor Ehikhamenor auf der Ostrale 2016 (Foto: Chris Maxim Hoffmann)

von Gerd-Rüdiger Hoffmann

Die 11. Internationale Ausstellung zeitgenössischer Künste »Ostrale« in Dresden wird vom 28. Juli bis 1. Oktober 2017 stattfinden. Diese Auskunft zum Abschluss der nunmehr bereits zehnten, in den ästhetischen Handschriften wiederum sehr vielfältigen, sehr weltoffenen und im politischen Anspruch besonders kapitalismuskritischen Ostrale 2016 überrascht nicht.

Keine Überraschung war auch das bedeutungsschwere Thema »error:x« der zehnten Auflage der Ausstellung. Dabei ging es nicht darum, dass man irgendeinen x-beliebigen Irrtum korrigieren sollte. Es geht um mehr, betont die Direktorin Andrea Hilger: »Seit der Künstler Peter Puype schrieb: ›Demokratie für den Westen, Gewalt für den Rest‹, fragen wir nach Alternativen der Art und Weise unseres Daseins, aber solange wir funktionieren in unseren Systemen, vergessen wir die Konsequenzen unseres Konsums und unserer heutigen Werte. Wir alle wissen, dass diesem System ein Fehler vorliegt - error:x.«

Wenn auch im Folgenden auf einzelne Kunstwerke nicht näher eingegangen werden kann, weil leider über Anderes zu berichten ist, so sei dennoch gesagt, dass die Schau diesem Anspruch nicht nur politisch, sondern auch künstlerisch gerecht wurde. Auf 20 000 Quadratmetern wurden Werke von etwa 200 Künstlern aus 42 Nationen mit teilweise sehr direktem Bezug zum Thema gezeigt. Dass der Katalog noch nicht vorliegt, allerdings wiederum als gelungene Edition noch zu erwarten ist, überrascht auch nicht. Eine böse Überraschung ist, dass zum Abschluss Ende September noch nicht gesagt werden konnte, wo die nächste Ausstellung stattfinden und wie oder ob es weitergehen wird mit einer der interessantesten Kunstausstellungen in Deutschland.

Der Oberbürgermeister Dresdens, Dirk Hilbert (FDP), erklärte als Schirmherr zur Eröffnung im Juli 2016 zwar, dass die Ostrale gut zu Dresden passe, weil sie »vielgestaltige internationale Facetten in die Stadt an der Elbe« bringe, »der mitunter ein barock-behäbiger, sogar antiquierter Habitus nachgesagt wird«. Einmal davon abgesehen, dass Dresden in Sachen Habitus aktuell gegen einen ganz anderen Ruf zu kämpfen hat, ist es die Stadt Dresden selbst, die jetzt als Eigentümer ihre Immobilie an Dritte verkaufen will. Die von 1906 bis 1910 erbauten und heute denkmalgeschützten Futterställe im Ostragehege sind seit Jahren sanierungsbedürftig. Das ist nicht mehr mit flotten Sprüchen über den maroden Charme der Ausstellungsräume kleinzureden. 4,5 bis 5 Millionen Euro werden wohl für die Sanierung nötig sein.

Der außerordentliche künstlerische Erfolg der Ostrale ist die eine Seite, wirtschaftlich war sie schon immer ein fragiles Unternehmen. Das Budget liegt bei etwa 550 000 Euro. »Das ist im Vergleich zu ähnlichen Ausstellungen dieser Größe eine Lachnummer«, sagt der Schatzmeister des Fördervereins, Bernd Kugelberg. Lediglich 59 000 Euro kommen von der Stadt, wobei mit diesem Geld wiederum Miete und Nebenkosten an die Stadt zurückzuzahlen sind. Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD), ebenfalls Schirmherrin, erklärte im August während eines Besuches in der Ausstellung: »Ich wünsche der Ostrale und der Stadt Dresden, dass ihre gemeinsame inspirierende Geschichte auch künftig fortgesetzt werden kann.«

Doch merkliche finanzielle Unterstützung gibt es vom Freistaat Sachsen nicht und wird wohl auch zukünftig nicht zu erwarten sein. So kann die Ostrale weder den Kaufpreis aufbringen, noch ist damit zu rechnen, dass ein neuer Eigentümer nach der Sanierung einen bezahlbaren Mietpreis akzeptieren wird. Die einzig sinnvolle Lösung wäre, von der Privatisierung abzulassen und gemeinsam mit erfahrenen Kuratoren ein Konzept für die Weiterentwicklung dieser Kunstschau zu erarbeiten.

Nur durch risikobereites und weitgehend ehrenamtliches Engagement konnte der ehemalige Städtische Vieh- und Schlachthof im Ostragehege durch diese »Zwischennutzung« nicht nur vor dem Verfall gerettet, sondern so aufgewertet werden, dass es sich heute um eine begehrte Immobilie handelt. Schmuck renovierte Gebäude der Nachbarn legen davon Zeugnis ab. Die reichen Nachbarn profitierten von den guten Ideen der armen Künstler. Gut vorstellbar, dass sie jetzt für die Erweiterung ihres Unternehmens von der Stadt gern die maroden Reste auch noch kaufen wollen. Zu hören ist, dass die Kunstschau bei den Überlegungen über die Zukunft des Areals keine Rolle spielte, auch nicht vonseiten des Bauamtes der Stadtverwaltung.

In der Bewerbung als »Europäische Kulturhauptstadt 2025« findet sich der ausdrückliche Hinweis auf die Ostrale. Kreativität, Überraschendes und sehr gute Kontakte über Sachsen und Deutschland hinaus sorgen für internationale Anerkennung und ein positives Dresdenbild. Denn nicht nur mit Poznań und Wrocław gibt es Partnerschaften. Ein wichtiger Schwerpunkt ist Afrika, wobei eben nicht exotisches Beiwerk gefragt ist, sondern originäre Beiträge von Künstlerinnen und Künstlern aus Afrika, einschließlich Nordafrika.

Zum Beispiel war lange vorher für das im Oktober 2016 geplante Gemeinschaftsprojekt »Fundamental - 5. Mediations Biennale« in Poznań vorgeschlagen, sich angesichts zunehmender Migration mit grundsätzlichen Fragen wie Freiheit, Identität und Integrität von Gesellschaften und Kulturen im Dialog mit 50 Künstlern aus Kenia, Ghana, Kongo, Senegal, Simbabwe, Indonesien, Israel, Japan, Kuba, Russland und 20 Künstlern aus Polen zu beschäftigen. Deshalb wäre eine Reduzierung der Ostrale-Aktivitäten ein Verlust für die Künste in Europa und weit darüber hinaus.

Es handelt sich hier um politisch engagierte Kunst, die trotz immer wieder recht allgemeiner Themenstellungen eben nicht in Beliebigkeit abgleitet, auch nicht mit Bezug auf ästhetische Standards. Der Kunstmarkt ist interessiert, doch »Siegerkunst« ist nicht gefragt, die Ausschreibungen sind als besonders fair bekannt, Jurysitzungen sind öffentlich, Eventkunst dominiert nicht gegenüber Malerei, Plastik oder Fotografie, wohl aber sind auch andere Künste dabei. Und die Ostrale hat eine erfrischende Form des Miteinanders mit Besucherinnen und Besuchern gefunden.

»Atelier der Dinge« heißt der Raum, in dem man selbst kreativ tätig werden kann. Es geht nicht um plakatives Reagieren auf Pegida oder um das Mitmachen beim Werben um einen »positiven Patriotismus«, sondern ein der Demokratiefeindlichkeit entgegengesetztes Agieren. Und das ist seit zehn Jahren organischer Bestandteil der Ostrale. Deutlicher Ausdruck dafür ist der Umgang mit afrikanischer zeitgenössischer Kunst. Denn im Vergleich mit anderen großen Ausstellungen, die Afrika im Titel tragen, sind hier afrikanische Künstlerinnen und Künstler nicht Objekte westlichen Weltschmerzes, sondern wichtige Dialogpartner, die selbstverständlich mit den weltweit allen Künsten eigenen speziellen Mitteln Wesentliches zu den Fragen unserer Zeit beitragen.

In diesem Jahr schloss die Ostrale am 25. September mit einem Besucherrekord von 25 000 Besuchern. Weitere 17 000 haben die Ausstellung »Ostrale weht Oder« in Wrocław gesehen. Nach neuestem Stand sieht es so aus, dass die Ostrale 2017 letztmalig in den unsanierten Futterställen stattfinden wird. Die ersten Kuratoren sind bereits gewonnen. In den Folgejahren soll die Ausstellung dann als Biennale fortgeführt werden. Für die Direktorin Andrea Hilger heißt das, dass das Ostrale-Kollektiv angesichts der knappen finanziellen Unterstützung weiterhin gezwungen ist, seine »Kreativität ständig für die Lösung existenzieller Probleme zu instrumentalisieren. Gern würden wir uns künftig wieder positiv und mit den nötigen Freiheiten dafür einsetzen können, in Dresden auch weiterhin eine weltweit geachtete Ausstellung zeitgenössischer Kunst in der Kulturstadt Dresden zu gestalten.«

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Ein „Windrad auf dem Dach“ für Jurij Koch - Rezension von Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann

Beitrag in der Zeitschrift "Das Blättchen" [20. Jg. (2017) Nr. 1]

von Gerd-Rüdiger Hoffmann

Jurij Koch, geboren am 15. September 1936, hat nach „Das Feuer im Spiegel“ (2012) in Obersorbisch und in Deutsch noch ein Buch geschrieben, das wieder kein Tagebuch ist, sondern von ihm ausdrücklich „Erinnerungen“ genannt wird. Der Unterschied ist wichtig, denn so erfahren wir nicht unbedingt, was an diesem oder jenem Tag im Jahre 1949 zum Beispiel von ihm notiert wurde und welche Meinung er zu dieser oder jener Begebenheit genau an diesem Tag hatte, sondern wir bekommen damit zu tun, woran sich Jurij Koch erinnert und wie die Sache nach seiner Meinung heute zu bewerten sei. Wir erfahren auch von seinem Wundern darüber, wie er so manchen „Mischmasch noch mit reichlich sechzigjährigem Abstand zum erinnerten Vorfall“ wahrnimmt. Jedoch schreibt er auch: „Wobei ich mir nicht sicher bin, dass wirklich alles so geschehen ist. Was die Fantasie vor und während dieser Schriftlegung hinzugefügt hat. Macht nichts. Auf jeden Fall könnte es so gewesen sein.“ An einige Einzelheiten, für die sich Historiker bestimmt interessiert hätten, erinnert er sich nicht, wundert sich ebenfalls darüber und findet es nicht schlimm. Diese Sicht und die Kommentare aus der Jetztzeit zu früheren Erlebnissen und Taten, die ganz und gar nicht aufgeschrieben sind, um sich vor heute herrschendem Zeitgeist zu rechtfertigen oder die jungen Leute zu belehren, machen das Lesen zu einem besonderen Erlebnis. Witz und Klugheit treffen sich. Wahrhaftigkeit findet hier statt. Das muss über Jurij Koch gesagt werden, der sich immer auch als Journalist versteht.

Wenn er merkwürdige Begebenheiten, also Merkwürdigkeiten, aufzählt, dann sind das Geschichten zur Geschichte der Lausitz und seines Lebens, in denen Heimat und Welt vorkommen und wie es um sie steht nach seiner Meinung. Zum Beispiel wie er nach dem Krieg als Entwicklungshilfe für sorbische Kinder „notreife Bildung“ im tschechischen Varnsdorf erhielt, die Zeit im sorbischen Gymnasium Bautzen und etwas später am niedersorbischen Gymnasium in Cottbus, nachdem das Einsammeln von Mobiliar und Kindern in den umliegenden wendischen Dörfern erfolgreich war.

Um die erste Liebe und so geht es natürlich auch. Politische Umstände im geteilten Deutschland gehen hier dazwischen: „Greta“, „Abgehauen! Rüber!“.

Sodann das Erinnern an „Brandenburgs SED-Landesvorsteher Friedrich Ebert“, der einer sorbischen Abordnung „patzig zu verstehen gab, dass die eingesessene brandenburgische Arbeiterklasse nicht gewillt sei, im Land eine Treibhauspflanze aufzuziehen“. Auch die spätere „Gesinnungsumkehr“ in dieser Frage kommt zur Sprache. Freilich, um das kleine Völkchen der Sorben, das in der Niederlausitz gern Wenden genannt werden will, geht es immer wieder. Jurij Koch will nicht darauf reduziert werden, obwohl er weiß, dass Intellektuelle dieser kleinen Minderheit das Privileg haben, sorbische Heimat und Welt in einer einmaligen Art zusammenzubringen. Dagegen stemmt sich die Arroganz der Deutschen, die fest davon überzeugt sind, dass einzig sie den Fortschritt verkörpern. Denn wenn auch kaum geglaubt wurde, was auf Plakaten geschrieben stand, mit dem Spruch „Ich bin Bergmann, wer ist mehr“ (ohne Fragezeichen) war es anders. Das war Volksglauben und ließ keine Kritik am Wegbaggern der sorbischen Dörfer im Namen des Fortschritts zu. Verständlich, dass sich auch Sorben auf die Seite der vermeintlichen Sieger schlugen und ihre Sprache und Kultur verleugneten. Anders Jurij Koch, bereits als Schüler: „Meine auf dem tschechischen Gymnasium erworbenen Fähigkeiten, mit Buchstaben in drei, vier Sprachen schnell, in der eigenen wieselig flink, umzugehen, und das angesammelte Häufchen Wissen, welche Ordnungen die Welt im Inneren zusammenhalten, haben mich plötzlich zu einem Klugscheißer gemacht, der im Mittelpunkt steht. Und daran durchaus Gefallen findet.“ Was nicht ohne Risiko ist, wie er sich ebenfalls erinnert.

Oder die Merkwürdigkeit wie Jurij Koch als junger Kerl gemeinsam mit dem Striesower Bürgermeister und dem Gemeindekalfaktor den „kaisertreuen Vogel“ vom Sockel des Kriegerdenkmals holt. Heute freilich, so bemerkt Jurij Koch, sitzt das Vieh wieder „auf dem gereinigten Denkmalsockel mit neuem Nagel im Arsch […] Und zu den Namen der Gefallenen des Ersten Weltkriegs sind die des Zweiten hinzugemeißelt. Wobei darauf hingewiesen sei, dass für weitere auf den Steinflächen des Denkmals kein Platz mehr vorhanden ist.“

Schließlich Jurij Kochs Rede auf dem Schriftstellerkongress im November 1987. Der Autor dieser Bemerkungen war zu jener Zeit am Afrikabereich der Karl-Marx-Universität Leipzig mit Vorlesungen über Frantz Fanon beschäftigt, der uns Europäern mit unserem Begriff von Fortschritt den Spiegel vorhielt. „Europa ist im Eimer.“ Sartre gibt Fanon Recht mit seiner vernichtenden Kritik. „Der Engel der Geschichte“ – nicht erst in den späten 1980er Jahren begannen wir Walter Benjamin zu lesen, jedoch bekam zu dieser Zeit so manche seiner Ideen mehr Kraft im Reden, Lernen und Lehren an der Karl-Marx-Universität. Ernst Bloch schwebte ohnehin durch alle Seminarräume der Philosophie. Dafür sorgte allein die Anwesenheit des Philosophiehistorikers Helmut Seidel, der den Namen des aus Leipzig von ideologischen Kleingeistern vertriebenen Bloch zwar kaum erwähnte und doch irgendwie eben diesen anderen Marxismus, den schöngeistigen und lebensphilosophischen über uns brachte. Es war mehr ein Gefühl, dass Benjamin und Bloch und Rosa Luxemburg und auch ein etwas anders als im Grundlagenstudium gelesener Karl Marx uns viel zur Lage im Lande und in den Lüften zu sagen hatten. Und dann Jurij Koch auf dem Schriftstellerkongress der DDR, mutiger oder vielleicht auch bloß naiver als sein sorbischer Kollege Jurij Brězan, jedenfalls anders als er: „Wider die anerzogene eigene Fortschrittsgläubigkeit frage ich nach dem Verhältnis von Gewinn und Verlust. Wie viel verlieren wir, wenn wir so viel gewinnen? Mit jeder Kalorie Wärme, die wir der Erde entnehmen, um sie zu verschwenden, wird es kälter um uns.“ In Funktionärsstuben und im Braunkohlekombinat soll es daraufhin die gehässige Bemerkung gegeben haben, die auch Jurij Koch zu Ohren kommt, „dass es angebracht wäre, dem Koch ein Windrad aufs Dach zu setzen. Soll er sehen, wie er zu Wärme und Licht kommt.“ Im Spiegel, der im Zusammenhang mit der Erarbeitung einer Chronologie „Subsaharisches Afrika“ auszuwerten ist, erfahre ich zuerst von der Koch-Rede, zitiere ihn, nein interpretiere mehr, weil ich ja die ganze Rede nicht kenne, und werde zu einem Gespräch geladen. Keine Drohung oder Kritik beim Parteisekretär (oder war es die Abteilungsleiterin?), sondern fast Respekt und Anerkennung. Zum Schluss der Unterredung jedoch noch dieses obligatorische „Muss-das-denn-sein“. Beim Lesen des Spiegel-Artikels ahne ich es, Jurij Koch bestätigt es in seinem Buch, dass Hermann Kant es war, der ihn damals ermunterte, von seiner Meinung nicht abzulassen, nicht sein Stellvertreter im Schriftstellerverband Brězan.

Das Buch schließt mit Erinnerungen an den Spätherbst 1989, „als es im Gebälk der Republik knistert“, Jurij Koch in einer der vielen Versammlungen gebeten ist, „den Moderator zu spielen“ und jemand nach Abrechnung „ohne zu fackeln“ ruft. Jurij Koch, mit über 50 noch immer nicht darauf bedacht, mehrheitliche Zustimmung zu erheischen: „Ich unterbreche den Schreihals. Mir scheine, dass in diesen Zeiten des Aufstands der Kleinbürger diejenigen die größte Klappe haben, die sie vor Wochen noch fest verschlossen hielten.“

Es stimmt schon, das Buch handelt von „aus heutiger Sicht kauzig anmutenden Begebenheiten, die sich zu einem Bild der Zeit formieren“.

Jurij Koch: Windrad auf dem Dach. Erinnerungen, Domowina-Verlag, Bautzen 2016, 133 Seiten, 14,90 Euro. Jurij Koch: Wětrnik na třěše. Dopomnjeća na młode a zrałe lěta, Ludowe nakładnistwo Domowina, Budyšin 2016, 116 Seiten, 12,90 Euro.

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In der Sonne von Bozen. Das Siegesdenkmal in Bozen und sein Dokumentationszentrum als Versuch, die komplexe Geschichte des Faschismus in Südtirol zu verarbeiten

Beitrag in der Zeitschrift "Volksstimme. Politik und Kultur" 11/2016

Völlig zu Recht erhielt das im Oktober 2014 eröffnete Warschauer Museum „POLIN – Museum zur Geschichte der polnischen Juden“ den Europäischen Museumspreis 2016, denn hier werden neue Maßstäbe bei der Vermittlung historischer Zusammenhänge gesetzt. Auch unter museumspädagogischen und gestalterischen Geschichtspunkten hat dieses Museum Herausragendes zu bieten. Dazu passt scheinbar gar nicht, dass die internationale Expertengruppe zur Verleihung dieses begehrten Preises auch ein vor zwei Jahren eröffnetes sehr umstrittenes Museum mit einer lobenden Erwähnung bedachte, nämlich das Dokumentationszentrum unter dem sanierten faschistischen Siegesdenkmal in Bozen. 

Ausgezeichnete Verklärung?

Über diese Auszeichnung freut sich der Historiker Andrea Di Michele. Als Archivar bei der Stadtverwaltung Bozen hat er am Konzept für das Dokumentationszentrum mitgearbeitet. Jetzt ist er Wissenschaftler an der Freien Universität Bozen. Während unseres Gesprächs in der Außenstelle in Brixen verweist er auf beachtliche Besucherzahlen. Auch Touristen und Schulklassen kommen, um sich mit einem besonders brisanten und unübersichtlichen Abschnitt der Geschichte zu beschäftigen. „Die lobende Erwähnung der europäischen Expertenkommission hat uns neuen Mut gegeben. Denn es war nicht von Anfang an klar, dass dieses Projekt erfolgreich im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung mit der Zeit zwischen 1928 und 1945 werden könnte“, sagt Di Michele. Die zahlreichen faschistischen Denkmäler in Südtirol werden noch immer seltsam verklärt von vielen angenommen. Und wohl in keiner anderen Region liegen die Erinnerungskulturen, vor allem gespalten nach Sprachgruppen, soweit auseinander wie in Südtirol.

Das Siegesdenkmal springt ins Auge, sobald man von der Bozener Altstadt über die Museumsstraße kommend die Talfer Brücke erreicht hat. Es ist das erste Bauwerk in der nach 1925 errichteten Neustadt. Es ist jedoch nur eines der zahlreichen architektonischen Hinterlassenschaften aus der sogenannten Periode „ventennio fascista“, wie die Zeit von 1925 bis 1945 genannt wird. Das Siegesdenkmal wurde 1928 mit großem Pomp eingeweiht. Entworfen von Marcello Piacentini (1881 – 1960) sollte es nach dem Willen Benito Mussolinis (1883 – 1945) an den zum Märtyrer hochstilisierten Cesare Battisti (1875 – 1916) erinnern. Battisti, Abgeordneter im Reichsrat von Österreich-Ungarn und des Tiroler Landtages, kämpfte ab 1915 mit Kriegseintritt Italiens als Freiwilliger gegen die Habsburger. Bereits ein Jahr später wurde er von österreichischen Truppen gefangen genommen und auf entwürdigende Weise wegen Hochverrats hingerichtet. Seitdem ist Battisti Projektionsfläche für nationalistische Interpretationen auf beiden Seiten. Witwe und Tochter verhinderten 1928, dass er, der einstmals sozialistische Abgeordnete, allzu sehr von den Faschisten vereinnahmt wurde. Trotzdem schmücken seine Büste und zwei weitere von Vertretern des Irredentismus das Siegesdenkmal. Über solche Ungereimtheiten setzen sich die Faschisten und Neofaschisten hinweg. Sie machten ein Denkmal für alle ihre erhofften Siege daraus, nicht bloß für den Sieg der Italiener über die Habsburger 1918. Es wurde ihr mit Mythen belegtes Denkmal und Symbol der panitalienischen Ideologie des Irredentismus, die sich in Bozen naturgemäß gegen die deutschsprachige Bevölkerung Südtirols, gegen die Zugehörigkeit zu Österreich oder gegen südtirolische Autonomiebestrebungen richtete. Selbst die Lüge, dass Battisti nicht nur Märtyrer, sondern auch Kopf dieser Bewegung wäre, schadete dem Symbol nicht. Doch Battisti war nie für den Anschluss Südtirols an Italien. Die Ladiner als Minderheit wurden von den Faschisten weitgehend ignoriert oder als anders sprechende Italiener betrachtet. Deshalb ist es besonders wichtig, dass doch noch ein Ausstellungsführer in ladinischer Sprache erschien, nachdem auf das Ladinische bei der Beschriftung der Ausstellung leider verzichtet wurde.

Tempel des Faschismus

Die Komplexität der Probleme mit dem Siegesdenkmal wurde über Jahrzehnte kaum rational diskutiert. Wahrnehmung und Wirkung, so meint Andrea Di Michele, ergebe sich jedoch aus einer Mehrdeutigkeit, die je nach politischer Absicht von jeweils unliebsamen Elementen „befreit“ wird.

Erstens ist das Siegesdenkmal als „Tempel des Faschismus“ mit starker Symbolkraft auch für die popagierte Überlegenheit des Italienischen gegenüber den Anderen belegt. Einige antifaschistische Gegenreaktionen bewegen sich jedoch durchaus im konservativ-nationalistischen Gedankengut derjenigen, die „italienisch“ mehr oder weniger synonym zu „faschistisch“ verwenden, einige vielleicht sogar in der Nähe des Gedankengutes von Neofaschisten bzw. Neonazis zu lokalisieren wären.

Zweitens ist es ein Kriegerdenkmal für die gefallenen Italiener des Ersten Weltkrieges. Um es vor dem eventuellen Abriss zu bewahren, erfuhr diese Mystifikation nach 1945 einen besonderen Schub.

Drittens schließlich wird das Siegesdenkmal als bedeutendes Gesamtkunstwerk italienischer Bildhauer und Architekten des 20. Jahrhunderts akzeptiert. Das ist für an Kunstgeschichte und Dialektik geschulte Menschen schwer verständlich. Denn die profaschistische Haltung des Architekten lässt sich nicht leugnen. Doch auch dieses Herangehen könnte eine besondere Variante der Entschärfung faschistischer Symbole im Bozener Kontext sein. Es bleibt ein schwieriges Thema.

Diese Punkte sollten stets gemeinsam bedacht werden, um überhaupt die Wirkmächtigkeit und das Konfliktpotential erfassen zu können, so Di Michele. Im März 2011 wurde eine Kommission eingesetzt, die weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit eine Konzeption erarbeiten sollte. Das mag seltsam oder gar undemokratisch erscheinen. Linken fehlen auch klare antifaschistische Formulierungen. Doch wer sich die letzten siebzig Jahre der Geschichte Südtirols in Erinnerung ruft, dürfte dafür Verständnis haben. Anders wäre ein akzeptables Ergebnis wohl nicht zustande gekommen. Denn richtig wird in einem Arbeitspapier der Kommission vom 2. Mai 2011 festgestellt, dass „das Siegesdenkmal bis heute ein Element zivilgesellschaftlicher Trennung“ darstellt.

Ein Denkmal, zwei Diktaturen

Das Dokumentationszentrum befindet sich unter dem Denkmal in einer weiträumigen Gruft. In den vier Eckräumen wird auf einer Metaebene Allgemeines zum Thema Denkmal gesagt sowie der Architekt Piacentini kritisch gewürdigt. Dreizehn thematische Räume behandeln Einzelthemen der Geschichte, aber auch die Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen in Bozen und Südtirol und mit politischen Strategien des italienischen und deutschen Faschismus. Auch die Frage „Erhalten oder schleifen?“ wird behandelt. Im Vorraum werden die vor Nationalismus strotzenden Fresken durch Zitate von Bertolt Brecht, Hannah Arendt und Thomas Paine eindrücklich konterkariert.

Die Jury, die das Dokumentationszentrum „BZ ’18 – ’45“, wie es jetzt heißt, auszeichnete, hob besonders die mutige Auseinandersetzung mit einem Thema hervor, „welches für viele Jahre im Mittelpunkt politischer Streitfragen und regionaler Identitätssuche gestanden hat“. Aufklärerische Ausdauer ist jedoch gefragt. Das sehen nicht alle so. Die seit über zehn Jahren existierende neofaschistische Partei und Bewegung „CasaPound“ stört die Leuchtschrift „BZ ’18 – ’45. Ein Denkmal, eine Stadt, zwei Diktaturen“. Für die Anhänger dieser Partei, die sich als die „Faschisten des dritten Jahrtausends“ verstehen und sich auf den Gründungsmythos der 1920er Jahre berufen, kann das Siegesdenkmal jedoch nicht mehr „ihr Denkmal“ sein. Da helfen auch nicht gegenteilige Behauptungen und provokative Aufmärsche wie kurz nach Eröffnung im Juli 2014 oder die demonstrative Kranzniederlegung am 12. Juli 2016 anlässlich des einhundertsten Jahrestages der Hinrichtung von Cesare Battisti. Mit „ihrem“ bisher geheimnisvoll belegten Symbol geht es wahrscheinlich langsam zu Ende. Das Denkmal wird durch das Dokumentationszentrum und äußerlich durchaus auch durch den Leuchtring depotenzialisiert. Und wahrscheinlich ist diese Art der argumentativen Auseinandersetzung nachhaltiger als der zu lobende und dennoch gescheiterte Versuch im Jahre 2002, den Siegesplatz in Friedensplatz umzubenennen.

Depotenzialisiert

Bestimmt ist diese Politik erfolgreicher als die Forderung nach Abriss des Denkmals. Zu bedenken ist auch, dass auch Neonazis für den Abriss sind, weil sie den Beginn der „zweiten Diktatur“ unter den deutschen Nazis als Befreiung vom Faschismus feiern, dann wird die Unübersichtlichkeit komplettiert. Auch in diesem Zusammenhang erscheint die im Gespräch mit mir geäußerte Meinung des Historikers Di Michele richtig, dass ein Begriff vom Faschismus als Oberbegriff für die jeweiligen Selbstbezeichnungen „italienischer Faschismus“ und „Nationalsozialismus“ für komparative Studien und Forschungen zweckmäßig ist.

Bozen und Warschau ist gemeinsam, dass in beiden Einrichtungen auf Aufklärung gesetzt wird, von mündigen Bürgerinnen und Bürgern ausgegangen und auf jede Art von „Überwältigungsdidaktik“ verzichtet wird. So kann gegen die ideologische Sprengkraft von Mystifikationen wie auch gegen die Hilflosigkeit rationaler Argumentation angegangen werden. Depotenzialisierung im Sinne von Entmachtung, die Wirkung nehmen, ist ein passender Ausdruck dafür. Die Pläne der Stadt sehen vor, diesen Weg weiterhin zu versuchen. Demnächst soll das Mussolini-Relief am Finanzamt mit dem Hannah-Arendt-Zitat „Niemand hat das Recht zu gehorchen“ depotenzialisiert werden. Stolpersteine in Bozen erinnern ebenfalls seit einigen Jahren leise, aber nachhaltig, an ein noch immer verklärtes oder verdrängtes Kapitel südtirolischer Geschichte.

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Senftenberg ist Zły Komorow, nur beschlossen ist es (noch) nicht

Kommentar zur Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 9. März 2016 zum fraktionsübergreifenden Antrag

Eine Mehrheit der in der Stadtverordnetenversammlung Senftenberg / ZłyKomorow erkennt an, dass die Stadt die gesetzlich festgelegten Kriterienfür die Zugehörigkeit zum sorbischen/wendischen Siedlungsgebiet erfüllt. Trotzdem wurde ein entsprechender Antrag abgelehnt.

Gestern, am 9. März 2016, stand als Punkt 1.15 der Stadtverordnetenversammlung Senftenberg auf der Tagesordnung „Antrag zur Feststellung der Zugehörigkeit der Stadt Senftenberg zum angestammten Siedlungsgebiet der Sorben/Wenden - Antrag mehrerer Stadtverordneter“. Das neue Sorben/Wenden-Gesetz legt fest, dass Gemeinden, die bisher nicht als Bestandteil des Siedlungsgebietes aufgelistet sind, nach Prüfung eines entsprechenden Antrages bis Mai 2016 aufgenommen werden können. Den Antrag können die Gemeinden selber, der Sorben/Wenden-Rat beim Landtag oder beide gemeinsam stellen. Die einflussreiche Mitwirkung der Kommunen wurde durch Druck der kommunalen Spitzenverbände des Landes Brandenburg erwirkt. Die Entscheidung trifft das zuständige Ministerium in Potsdam, wobei eine nochmalige Anhörung im Hauptausschuss des Landtages vorgesehen ist. Als Kriterium für die Aufnahme gilt, dass eine kontinuierliche sprachliche oder kulturelle Tradition bis zur Gegenwart nachweisbar sein muss.

Dieses Kriterium ist für Senftenberg/Zły Komorow erfüllt. Das sieht auch die Mehrheit der Stadtverordneten so, so dass damit zu rechnen war, dass der von vier Abgeordneten unterschiedlicher Fraktionen (CDU, DIE LINKE, SPD, UWS) eingereichte Antrag beschlossen wird. Es kam anders. Bei zwei Enthaltungen stimmten 14 der anwesenden Abgeordneten dafür und 14 dagegen, also Ablehnung. Ob nun Zufall oder nicht, zumindest bei den Sozialdemokraten nicht unüblich, die zwei Befürworter des Antrages in der SPD-Fraktion fehlten bei der Sitzung. Die SPD war es auch, die das Ansinnen der Initiatorin dieses Antrages Dr. Gudrun Andresen (CDU), den anwesenden Sorben/Wenden Rederecht zu erteilen, verhinderte. Damit konnten im weiteren Verlauf der Sitzung peinliche Uninformiertheit, Unkenntnis des Sorben/Wenden-Gesetzes und Falsches zum Thema „Sorben oder Wenden“ nicht richtiggestellt werden. Der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung Reiner Rademann (SPD) berief sich gar auf „Empirisches“. Er hätte sich in der Stadt umgehört und nur eine Person gefunden, die der Meinung war, das könne man so machen mit dem Siedlungsgebiet. Alle anderen hätten das Ansinnen kategorisch abgelehnt. Es gäbe doch wohl andere Probleme. Klares Fazit für Rademann: Da eine Mehrheit Senftenberg nicht als Bestandteil des sorbischen/wendischen Siedlungsgebietes haben wolle, müsse es auch ein klares Votum bei den Abgeordneten geben. Damit steht dieser Abgeordnete als Musterbeispiel für die Probleme, die im Umgang mit der relativ fortschrittlichen Minderheitenpolitik des Landes Brandenburg immer wieder bei Behörden und Abgeordneten aller Ebenen zutage treten.

Zuerst ist das Unkenntnis der Gesetzeslage. So ist zum Beispiel immer wieder die Rede davon gewesen, dass doch die Domowina den Antrag stellen solle. Im Gesetz ist das natürlich nicht vorgesehen, handelt es sich doch bei der Domowina um einen Verein. Die Unkenntnis internationaler Vereinbarungen, die in Deutschland verbindlich gelten, wird nicht einmal als Defizit empfunden. Kein gutes Zeichen für den europäischen Gedanken.

Weiterhin ist erschreckend, wie die Bemühungen zur Belebung der sorbischen/wendischen Kultur der in der Stadt und in der Region lebenden Wenden ignoriert wird. Auch die Domowina-Gruppe der Stadt wurde bei Anhörungen in Fraktionen immer wieder unter Rechtfertigungsdruck gesetzt. Dabei spricht allein die Anzahl der Aktivitäten in der Stadt für sich. Vom Niedersorbisch-Unterricht an einer Oberschule, gut besuchten Sprachkursen, Lesungen, Konzerten, Ausstellungen, Vorträgen bis zum regelmäßig stattfindenden zweisprachigen Gottesdienst in der Wendischen Kirche reicht das Angebot.

Schließlich wird der tiefe Sinn der Minderheitenpolitik des Landes wohl nicht verstanden: Es ist quasi die Krone der Demokratie, wenn gegenüber Interessen von Minderheiten sehr bewusst vorgesehen ist, dass eine Mehrheit nicht die Macht der größeren Zahl in Anschlag bringen sollte, sondern dass die Minderheiteninteressen zu schützen sind.

Hier liegt der rationale Kern der „Bauchschmerzen“ von Bürgermeister Andreas Fredrich (SPD), wenn er es als bedenklich ansieht, dass eine Mehrheit über eine Minderheit befinden soll. Inzwischen, so scheint es, geht auch er davon aus, dass seine Stadt die Kriterien für die Zugehörigkeit zum Siedlungsgebiet erfüllt. Wenn die Sorben/Wenden-Vertretung auf Landesebene einen entsprechenden Antrag stellt und dieser Antrag positiv vom Land beschieden wird, dann ist wohl damit zu rechnen, dass die Mehrheit der Abgeordneten und der Bürgermeister diesen Beschluss unterstützen werden. Jedenfalls betonten mehrere Abgeordnete während der Debatte, dass sie trotz ihrer Nein-Stimme in der Stadtverordnetenversammlung anerkennen, dass Senftenberg traditionell zum Siedlungsgebiet gehört. Einige würdigten auch die aktuellen Aktivitäten ihrer wendischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Insgesamt war es jedoch beschämend, wie wenig gerade diese Bemühungen Anerkennung fanden. Der Fraktionsvorsitzende der Fraktion DIE LINKE Wolf-Peter Hannig betont völlig zu Recht, dass eine intensive Förderung des Sorbischen/Wendischen in der Stadt allein schon aus moralischen Gründen auf der Tagesordnung stünde, weil in der Vergangenheit durch politische Systeme und den Bergbau diese Kultur regelrecht überrollt wurde.

Für die anwesenden Sorben/Wenden waren solche Beiträge ermutigende Signale, jedoch war es insgesamt deprimierend, wieder einmal als Objekte der Begutachtung durch teilweise höchst inkompetente Lokalpolitiker ohne Möglichkeit der Erwiderung lediglich einem Spektakel beizuwohnen, das nicht frei von diskriminierenden und paternalistischen Momenten war.

Förderung und Ermutigung oder wenigstens Neugierde oder meinetwegen bloß die Hoffnung, dass sich sorbische/wendische Kultur touristisch vermarkten ließe, kamen nicht zum Tragen. Man kann nur hoffen, dass sich die Sorben/Wenden der Stadt jetzt nicht entmutigt oder genervt zurückziehen. Es wäre schade, wenn alle bisher erfolgreichen Bemühungen umsonst wären. Es wäre schade, wenn viele Einwohnerinnen und Einwohner nicht einmal erfahren würden, was ihnen ohne Bewahrung und Pflege der sorbischen/wendischen Kultur entgeht. Schließlich ist hier zu lernen, wie wertvoll der gleichzeitige Umgang mit mehreren Kulturen sein kann.

Interkulturelle Kompetenz heißt das Prinzip, dass es zu fördern gilt. Nicht der Antrag spaltet oder schadet der Stadt, wie einige Abgeordnete meinten, sondern das provinzielle Gehabe einiger der lokalen Volksvertreter.

Eine Aufgabe bleibt natürlich, nämlich dafür zu sorgen, dass der Wert des Sorbischen/Wendischen für Senftenberg sinnlich erlebbar für möglichst viele wird. Diese Aufgabe kann die Minderheit nicht alleine bewältigen.

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Zły Komorow: Warum Senftenberg zum angestammten sorbischen/wendischen Siedlungsgebiet gehört

Eine Argumentation

Gehört Zły Komorow/Senftenberg zum angestammten sorbischen/wendischen Siedlungsgebiet? Unter historischen und kulturellen Gesichtspunkten ist diese Frage recht deutlich zu beantworten: Ja, die Stadt wie das Umfeld gehören dazu. 

Das neue Standardwerk „Sorbisches Kulturlexikon“ [i] belegt unter dem Stichwort „Senftenberger Region“ für ein Lexikon erstaunlich umfangreich, dass Zły Komorow/Senftenberg zum sorbischen/wendischen Siedlungsgebiet gehört und es eigentlich nur darum geht, diese Tatsache auch offiziell anzuerkennen. Auch mein Artikel im sorbischen Kulturmagazin „Rozhlad“ [ii], wenn auch aus aktuellem Anlass teilweise zu polemisch geraten, liefert Fakten zur Beantwortung dieser Frage.

Daraus zu schlussfolgern, dass der Antrag auf Zugehörigkeit der Stadt zum sorbischen/wendischen Siedlungsgebiet nur noch eine formale Angelegenheit sei, wäre jedoch ein fataler Fehler. Denn wenn auch nach den entsprechenden gesetzlichen Regelungen Zły Komorow eindeutig dem sorbischen/wendischen Siedlungsgebiet zuzuordnen ist, so ist damit noch lange nicht geklärt, wie durch einen formal richtigen Beschluss Senftenberg tatsächlich mit sorbischer/wendischer Kultur und Tradition beseelt werden kann und von den Einwohnerinnen und Einwohnern auch als Zły Komorow wahrgenommen wird. Es geht um mindestens drei Fragen, die beantwortet werden müssen bzw. wenigstens in eine durch Offenheit und Streben nach Erkenntnisgewinn gekennzeichnete Debatte geholt werden sollten, um das Sorbische/Wendische in der Stadt und im Umfeld mit Leben zu erfüllen

Angestammtes Siedlungsgebiet

Erfüllt Zły Komorow/Senftenberg die im novellierten Sorben/Wenden-Gesetz genannten Kriterien, um offiziell als Bestandteil des Siedlungsgebietes geführt zu werden? 

Da es um die Umsetzung gesetzlich festgelegter Rechte der Sorben/Wenden geht, die auf verfassungsrechtlicher Grundlage beruhen, muss selbstverständlich die erste zu beantwortende Frage so formal gestellt werden. 

Die Gemeinden und Gemeindeteile, die zum angestammten Siedlungsgebiet gehören, sind in der Anlage zum 2014 novellierten „Sorben/Wenden-Gesetz“ aufgelistet. [iii] Hier findet sich Zły Komorow (noch) nicht. Darüber hinaus definiert jedoch der Paragraph 3 im Absatz 2 das angestammte Siedlungsgebiet der Sorben/Wenden wie folgt: 

„Als angestammtes Siedlungsgebiet im Sinne dieses Gesetzes gelten die kreisfreie Stadt Cottbus/Chóśebuz sowie diejenigen Gemeinden und Gemeindeteile in den Landkreisen Dahme-Spreewald, Oberspreewald-Lausitz und Spree-Neiße/Sprjewja-Nysa, in denen eine kontinuierliche sprachliche oder kulturelle Tradition bis zur Gegenwart nachweisbar ist.“ [iv] 

Eine sprachliche Tradition ist lediglich rudimentär nachweisbar. Das ist nicht verwunderlich, wenn berücksichtigt wird, dass durch die Monoindustrie auf der Grundlage einer extensiven Braunkohleförderung die autochthone sorbische/wendische Bevölkerung in den letzten über einhundert Jahren von zugezogenen deutschen Arbeitskräften immer mehr verdrängt wurde, nicht zuletzt auch durch die bergbaubedingte Vernichtung sorbischer/wendischer Dörfer und Ortsteile in und um Senftenberg. Viel mehr grenzt es an ein Wunder, dass trotz dieser Entwicklung und der Unterdrückung der Sorben/Wenden durch die Nazis kulturelle Traditionen sich in beachtlicher Weise erhalten haben. Sorbische/wendische Bräuche sind weitgehend bekannt und wurden und werden faktisch ohne Unterbrechung gepflegt (Osterbräuche, Vogelhochzeit, Maibaumaufstellen usw.) Flurnamen und Familiennamen belegen die slawischen Wurzeln der Bevölkerung. Zahlreiche kulturelle und politische Veranstaltungen zu sorbischen/wendischen Themen sowie regelmäßig stattfindende deutsch-wendische Gottesdienste werden mit Interesse auch von der deutschen Bevölkerung besucht. Die Wendische Kirche erweist sich als kulturelles Zentrum dieser lebendigen Traditionen. Ausstellungen und Programme im Theater NEUE BÜHNE, nicht zuletzt auch die hier immer wieder tätigen sorbischen Schauspielerinnen und Schauspieler und die Kooperation mit dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater und dem Sorbischen Nationalensemble Bautzen, belegen eine enge Bindung an sorbische/wendische Traditionen. Sprachkurse, inzwischen nicht nur für Anfänger, und eine aktive Domowina-Gruppe sind weitere Indizien dafür, dass die formalen Kriterien einer Zugehörigkeit zum angestammten Siedlungsgebiet erfüllt sind. 

Allein die positive Beantwortung dieser Frage rechtfertigt die offizielle Aufnahme der Stadt Zły Komorow/Senftenberg in die Liste der Gemeinden und Gemeindeteile des angestammten sorbischen/wendischen Siedlungsgebietes im Land Brandenburg. Formal wäre damit alles geklärt. Ein lebendiges sorbisches/wendisches Leben und die tatsächliche Anerkennung der Stadt als Ort der zwei Kulturen bei der Bevölkerung muss damit jedoch noch lange nicht erreicht sein.

Antworten auf mindestens zwei weitere Fragen sollten deshalb ernsthaft gesucht werden. 

Die Frage nach dem Subjekt des Sorbischen/Wendischen

Gibt es überhaupt Träger einer sorbischen/wendischen Kultur und/oder Sprache in der Stadt?

So heißt die zweite Frage. Auch diese Frage kann eindeutig positiv beantwortet werden. Denn eine aktive Domowina-Gruppe, die inzwischen auch Ansprechpartnerin für Fraktionen und Verwaltung ist, zahlreiche Pressebeiträge sowie der Veranstaltungskalender der Stadt, wendisch-deutsche Gottesdienste sowie u.a. auch die kulturpolitische Bildungsarbeit des Lausitzbüros der Rosa-Luxemburg-Stiftung belegen, dass hier Sorben/Wenden aktiv tätig sind. Die Beteiligung in Senftenberg an der Wahl des Sorben/Wenden-Rates 2015, an der alle Sorben/Wenden teilnehmen konnten, die sich in das Wahlverzeichnis eintragen ließen, und die rege öffentliche Diskussion über diese Wahl sind ein weiterer Beweis dafür, dass es Sorben/Wenden auch heute in der Stadt gibt.

Immer wieder wurde jedoch auch nach Zahlen gefragt, um feststellen zu können, ob der ganze Aufwand, Senftenberg ins sorbische/wendische Siedlungsgebiet aufzunehmen, sich denn überhaupt lohnen würde. Hier bekommen wir es mit dem Problem zu tun, dass aus guten Gründen nach den Erfahrungen mit der Verfolgung der Sorben/Wenden durch die Nazis eine Quantifizierung in einzelnen Orten oder gar eine namentliche Erfassung nicht zulässig ist. Aber auch der starke Assimilierungsdruck auf Sorben/Wenden hat zu einer demokratietheoretisch sehr modernen Formulierung im brandenburgischen „Sorben/Wenden-Gesetz“ geführt.

Der Paragraph 2 „Sorbische/Wendische Volkszugehörigkeit“ legt fest: „Zum sorbischen/wendischen Volk gehört, wer sich zu ihm bekennt. Das Bekenntnis ist frei und darf weder bestritten noch nachgeprüft werden. Aus diesem Bekenntnis dürfen der Bürgerin und dem Bürger keine Nachteile erwachsen.“ [v] 

Außerdem greift hier ein Verfassungsgrundsatz verbindlich. Denn in der brandenburgischen Verfassung ist im Artikel 25 „Rechte der Sorben/Wenden“ nicht nur das „Recht des sorbischen/wendischen Volkes auf Schutz, Erhaltung und Pflege seiner nationalen Identität und seines angestammten Siedlungsgebietes“ [vi] vorgesehen.

Ausdrücklich ist „das Recht auf Bewahrung und Förderung der sorbischen/wendischen Sprache und Kultur im öffentlichen Leben und ihre Vermittlung in Schulen und Kindertagesstätten“ [vii] festgelegt. Wenn es auch nicht gelungen ist, im Gesetz die „Weiterentwicklung der sorbischen/wendischen Kultur und Sprache“ zu verankern, die Formulierung „Förderung“ dürfte deutlich genug festlegen, dass Sorben/Wenden sich nicht wie Ausstellungsstücke im Museum bewegen müssen, um ihre Rechte zu fordern, sondern selbstverständlich Veränderungen – Weiterentwicklungen – gewünscht sind. 

Betont werden sollte unbedingt, dass die Sorben/Wenden in der Verfassung als Volk definiert werden. Dazu passt unter Beachtung internationaler Debatten in der Wissenschaft nicht ganz, dass wir im offiziellen Sprachgebrauch noch immer von „Minderheitenpolitik“ reden. Die praktisch-politischen Konsequenzen dieses Herangehens sind allerdings unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen als überwiegend positiv einzuschätzen.

Kulturelles und politisches Klima

Existiert in der Stadt und im Umfeld ein kulturelles und politisches Klima, in dem ein lebendiges sorbisches/wendisches Leben als wünschenswert betrachtet wird?

Das ist die dritte Frage, die schwierigste von allen. Denn diese Frage beschreibt eine nicht durch Mehrheitsbeschluss zu lösende Aufgabe. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. 

Je nachdem wie sie beantwortet wird bzw. wie sie aufgegriffen wird, davon hängt ab, ob das Sorbische/Wendische mit Leben erfüllt werden kann – zum Nutzen auch für die Mehrheitsbevölkerung. Ein formaler Beschluss und Kenntnis der rechtlichen Grundlagen sind zwar Voraussetzungen für alles Weitere, was noch zu leisten ist, um einer Antwort näher zu kommen, müssen jedoch noch lange nicht dazu führen, dass für viele Bürgerinnen und Bürger sinnlich erlebbar wird, dass das Sorbische die Region attraktiver macht. [viii] Einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der rechtlichen Grundlagen hat Renate Harcke, Referentin der brandenburgischen Landtagsfraktion DIE LINKE, mit ihrer Handreichung zum „Sorben/Wenden-Gesetz“ gelegt. Diese sei ausdrücklich empfohlen. [ix] 

Wenn eine Kernfrage der Minderheitenpolitik nicht verstanden wird, dass nämlich eine Minderheit als Subjekt politischer Willensbildung nicht überstimmt werden kann, dann wird es äußerst schwierig, ein lebendiges sorbisches/wendisches Leben zu entwickeln. Hier wird kulturelle Bildung in der Stadt gefragt sein, die das Sorbische/Wendische als Gewinn erlebbar werden lässt. Als wesentliches Merkmal demokratischer Minderheitenpolitik kann Verzicht auf Paternalismus im Umgang mit Sorben/Wenden genannt werden. Es geht, wie bereits gesagt, auch darum, Traditionen zwar zu bewahren und wiederzubeleben, gleichzeitig darüber hinaus Veränderungen zuzulassen. Ein solcher Prozess kann nur im Dialog mit der Mehrheitsbevölkerung, bei gegenseitiger Bereicherung beider Seiten, in Gang gesetzt werden. 

Ein Blick in andere Regionen, die eine bewusste Minderheitenförderung betreiben, ließe einige Vorteile sichtbar werden. Regionale Kreisläufe in der Wirtschaft, touristische Attraktivität und gelebte Offenheit gegenüber ursprünglich Fremden sind hier u.a. die Stichworte. In der aktuellen Minderheitenpolitik geht es um das Bewahren und Fördern der kulturellen Vielfalt auch deshalb, weil diese als hoher Wert in einer globalisierten Welt angesehen werden, nicht als nostalgisches Bewahren des Vergangenen. 

Aktive Minderheitenpolitik kann so ein Standortvorteil für die Stadt sein. 

Die Frage nach dem Wert sorbischer/wendischer Sprache und Kultur und moderner Minderheitenpolitik weist über das enge Thema „Zugehörigkeit zum Siedlungsgebiet“ weit hinaus, weil allein eine gründliche Befassung politisch-praktische und theoretische Konsequenzen hat, die von allgemeiner Bedeutung für die Zivilgesellschaft, die demokratische Verfasstheit des Landes und das allgemeine politische Klima für die Region sind. Das zu erkennen, das muss eingeräumt werden, ist ein komplizierter Prozess. [x]

Weiterhin geht es um eine spezielle Stärkung der Demokratie, wenn im Umgang mit Minderheiten das Mehrheitsprinzip bei Entscheidungen außer Kraft gesetzt wird, also durch „positive Diskriminierung“ Belange der Sorben/Wenden nicht maßgeblich und schon gar nicht gegen die Betroffenen durch die deutsche Mehrheitsbevölkerung entschieden werden dürfen. Das ist der eigentlichen Kern der Minderheitenpolitik, die Krone der Demokratie, wenn das demokratische Mehrheitsprinzip an dieser Stelle demokratisch außer Kraft gesetzt wird. 

Dass dadurch Solidarität und Toleranz befördert werden können, das dürfte auf der Hand liegen.

 

ANMERKUNGEN

  • i Vgl.: Franz Schön / Dietrich Scholz (Hrsg.). Sorbisches Kulturlexikon. Bautzen 2014. S. 357ff.
  • ii Vgl.: Gerd-Rüdiger Hoffmann: „Kulturne wójowanje“ - Źěło na nowej serbskej kazni za Bramborsku. In: Rozhlad. Nr. 10/2013. S. 7ff. – auf deutsch: „Kulturkampf?“- Über die Arbeit am neuen Sorben/Wenden-Gesetz in Brandenburg
  • iii Vgl.: Gesetz über die Ausgestaltung der Rechte der Sorben/Wenden im Land Brandenburg (Sorben/Wenden-Gesetz - SWG) vom 7. Juli 1994 (GVBl. I/94, [Nr. 21], S.294), zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 11. Februar 2014 (GVBl. I/14, [Nr. 07])
  • iv Ebenda: § 3 (2)
  • v Ebenda: § 2
  • vi Verfassung des Landes Brandenburg vom 20. August 1992 (GVBl.I/92, S.298) zuletzt geändert durch Gesetz vom 5. Dezember 2013 (GVBl.I/13, [Nr. 42]), Artikel 25, Absatz 1
  • vii Ebenda: Artikel 25, Absatz 3
  • viii Vgl.: Lausitzer Rundschau vom 27. November 2015
  • ix Vgl.: Renate Harcke. Kleines A – Z zum Gesetz über die Ausgestaltung der Rechte der Sorben/Wenden im Land Brandenburg. Potsdam 2014 (siehe: www.swg-brandenburg.de)
  • x Vgl.: Gerd-Rüdiger Hoffmann. Das Recht auf Anderssein. Philosophische und praktisch-politische Überlegungen zur Sorben/Wenden-Politik in Brandenburg. In: Daniel Häfner / Lutz Laschewski (Hrsg.). Recht auf Perspektive. Cottbus (BTU Cottbus-Senftenberg / Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg) 2015. S. 19ff.

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"Manifestliches" im Theater am Rand

Beitrag in der Zeitschrift "Das Blättchen" [18. Jg. (2015) Nr. 21]

von Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann 

Wer den „Tag der deutschen Einheit“ nicht im Taumel des Offiziellen begehen, dennoch diesen Tag nicht ignorieren wollte, der konnte durchaus fündig werden. Nach dem Motto eines Wenzel-Liedes „Halte Dich von den Siegern fern, / Halte Dich tapfer am Rand!“ war das Theater am Rand im Oderbruch eine gute Adresse. Hier spielte bereits am Vorabend die „Bolschewistische Kurkapelle“ und ließ das voll besetzte Theater mit Eisler, Reiser und Brecht beben. 

Am Feiertag dann eine Premiere: Der Schauspieler Jens-Uwe Bogadke, Tobias Morgenstern am Akkordeon, der legendäre Conny Bauer an der Posaune sowie vor allem Walfriede Schmitt präsentierten eine Collage aus Marx-Texten und geschickt ausgesuchten Stellen aus dem 1920 zu erst erschienenen fiktiven Reisebericht „Der Papalagi“ von Erich Scheurmann. Das Buch zu „Manifestliches – Dialog zwischen Karl Marx und dem Südseehäuptling Tujavii“ schrieb Walfriede Schmitt selbst. Regie führte Olaf Winkler. Gern konnte man deshalb der Ankündigung glauben, dass die Namen der Mitwirkenden für Sinnlichkeit und Humor bürgten. Und wer das von Tobias Morgenstern und Thomas Rühmann geleitete Theater am Rand einmal gefunden hat, weiß ohnehin, dass Denken nicht notwendigerweise schlimm sein muss. Unterstützt haben das Vorhaben die kulturpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Sigrid Hupach, Hans Modrow und die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Dennoch gab es vor der Aufführung gute Gründe für eine gewisse Skepsis. Einmal wurde mit brechtscher didaktischer Strenge im Programmheft angekündigt, dass es Zeit sei, mit dem Jammern auf hohem Niveau aufzuhören. Aufklärung darüber sei angesagt, dass das Kapital dabei wäre, die alleinige Herrschaft in der Welt endgültig zu erringen und dass es deshalb höchste Zeit sei, „konzentriert hinzuschauen auf die beängstigenden Gründe für den Zustand dieser Welt“. 

Doch gehören Sätze aus dem „Kommunistischen Manifest“ oder dem „Kapital“ wirklich auf die Bühne, und können sie zu neuen Erkenntnissen über unsere Zeit führen? Kann das gar unterhaltsam sein? Bei diesem Publikum, zum großen Teil aus Berlin angereist mit einem von der Luxemburgstiftung gecharterten Bus? Kommt da nicht bloß Bestätigung des immer schon Gewussten raus?

Ja, das auch, und an einigen Stellen gab es selbst dafür Szenenapplaus, weil die Wut der Akteure auf der Bühne über den Zustand der Gesellschaft echt war. Berührend und gleichzeitig von eindringlicher Schärfe zum Beispiel der verzweifelte Aufschrei der Schmitt in Richtung Linke: „So einigt Euch doch!“

Dass ein tieferes Nachdenken nützlich ist, dass Marx noch immer dabei behilflich sein kann, dass schließlich Wut alleine nicht ausreicht, sondern zu „wissender Unzufriedenheit“ führen müsse, wie Ernst Bloch es formulierte, das alles wurde sinnlich wahrnehmbar. Selbst schwierige Texte belehrten mit einem Augenzwinkern äußerst kurzweilig. Man war an Yanis Varoufakis erinnert, der sich zwar als erratischer Marxist bezeichnet und Marx deshalb mit flotter Polemik immer wieder mal vom Sockel holt, aber auch betont: „Jedes Mal, wenn ich aus dem Fenster sehe, bin ich mit den Widersprüchen konfrontiert, auf die er hingewiesen hat.“ 

Walfriede Schmitt gibt den „Kapitalisten an sich“ mit allen Klischees, die man von Karikaturen der 1920er Jahre kennt. Der kluge Humor der Buchautorin und das intensive Spiel der Schauspielerin in einer Person vermeiden aber jede Plattheit. Und wenn es dann doch im Text zu akademisch wird, geht die Musik dazwischen. Das hat Witz, wenn gewaltige Marx-Sätze durch Posaune und Akkordeon gelegentlich regelrecht karikiert werden. Das kann der Marx doch nicht ernst gemeint haben! Und wenn doch, dann ist unverständlich, warum alles anders gelaufen ist.

Der erste Grund für Skepsis ist also entkräftet, und so erging es auch dem anderen, obwohl der schwerer wiegt. 

Der zweite Grund liegt nämlich in der Verwendung der „Reden des Südseehäuptlings Tujavii aus Tiavea“, angeblich gehalten vor seinen Leuten, nachdem er aus Europa zurückgekehrt ist und gar seltsame Dinge über das Denken und Tun des Weißen, des Papalagi, zu berichten hat: Geld sei bei ihm Gott. Selbst Liebe ginge beim Papalagi nicht ohne Geld. Ständig wolle er Dinge, nur durch eine Anhäufung von vielen Dingen fühle er sich in seinem Wert bestätigt. Zeit hätte er nie. 

Die Textstellen sind so ausgewählt, dass der romantisierende Ethnokitsch Scheurmanns nicht zum Tragen kommt. Jens-Uwe Bogadke spielt den „Häuptling“, den Retter der Bäume, Tiere und des Menschlichen, als Überlegenen gegenüber dem satten und zum Schluss dann doch ermatteten und verunsicherten Kapitalisten. 

Und die musikalischen Einfälle von Conny Bauer und Tobias Morgenstern machen die Sache rund und retten manchmal auch die Grundidee. Denn Walfriede Schmitt geht es vor allem darum zu zeigen, dass so manches Ungerechte und Unbegreifliche durch recht alte Wahrheiten des gesunden Menschenverstandes und nach dem Lesen von Marx-Büchern umso mehr durchschaubar sein müssten. Gleichzeitig, und hier spielt wieder die Musik eine tragende aufklärerische Rolle, sei es besser, auch die einfachen Wahrheiten immer wieder neu zu prüfen.

Scheurmann tat zeitlebens so, als hätte er den „Häuptling“ Tujavii gekannt und lediglich seine Botschaft übersetzt. Beim Schummeln erwischt und von kritischen Ethnologen angegriffen, verteidigten er und seine Anhänger das Machwerk bierernst und stur. In „Manifestliches“ zerstören die Musiker Conny Bauer und Tobias Morgenstern und Jens-Uwe Bogadke mit herrlicher Ironie alles Apodiktische, wodurch das kapitalismuskritische Anliegen des Theaterstücks stärker hervortritt. 

Damit ist auch die Abgrenzung zum später naziaffinen Scheurmann gelungen, der außerdem noch üble Beiträge über exotische Frauen und andere Geschichten über „die edlen Wilden“ verfasst hat. Was Marx zur „Agrikultur“ im „Kapital“ formulierte, wurde im Theater am Rand zu guter aufklärerischer Unterhaltung: Die Tragik des Kapitalismus mit seiner nicht zu bremsenden Dynamik in der Produktion bestünde darin, dass „sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“. Die Frage, ob diese Feststellung Widerstand mobilisiert oder ob das Sich-Fügen unter die Geschäftsordnung des Systems weiterhin dominieren wird, bleibt offen. „Manifestliches“ trifft auf die Wirklichkeit. 

Einige „Striche“ würden der Collage nicht schaden, dann jedoch sollte unbedingt nach weiteren Aufführungsmöglichkeiten gesucht werden.

 

Hier geht es zum Beitrag auf der Homepage des Blättchens ... 

 

 

Entdeckung eines Bekannten. "Sterne glühn" - Hans-Eckardt Wenzel hat Gedichte von Johannes R. Becher vertont

Beitrag in der Zeitung "neues deutschland" (Kultur)

von Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann 

Johannes R. Becher schaffte es wie kaum ein anderer die Widersprüche des 20. Jahrhunderts mit seinen Hoffnungen und Enttäuschungen, Wahrheiten und Lügen in Gedichtform auszudrücken. Der Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel hat einige der Gedichte vertont.

Im Roman »Abschied« von Johannes R. Becher (1891-1958) gibt es eine Stelle, wo der Ich-Erzähler »das Jüdlein« um Rat fragt, weil er nicht mehr weiter weiß. Das Alter Ego des Johannes R. Becher, Hans Peter Gastl, offenbart seinem Klassenkameraden Löwenstein, »dem Jüdlein«, folgendes: »Ich kann nicht weiterleben so. Ich will nicht mehr. In welch eine Zeit bin ich geraten! Strammstehen, nur strammstehen. Vor anderer Leute Gemeinheiten und vor der eigenen Gemeinheit. Nein - ich bin allein zu schwach, um standzuhalten. Dazu reicht meine Kraft nicht. Inmitten einer großen Lüge lebte ich, und geschickt fängt es die Lüge an, wenn ich versuche, aus ihr herauszufinden, mich immer tiefer in sie zu verstricken ... Du, sag mir, an was man sich halten kann?« Und das »Jüdlein« erklärt ihm Klassenkampf, Sozialismus und eben die Hoffnung auf »Die - menschliche - Gesellschaft«.

»Abschied« hatte Becher unter dem Eindruck kaum aushaltbarer Konflikte im Persönlichen wie im Politischen 1940 im Moskauer Exil fertiggestellt, allerdings mit einer kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges vorverlegten Handlung, schwankend zwischen Selbstmord und der großen Hoffnung auf das »Anderswerden«. 1940 steht Becher der weitere Selbstmordversuch in Moskau noch bevor, den er kurz nach dem Misslingen in einem reumütigen Brief an das Zentralkomitee der KPD vom 16. September 1942 zutiefst bedauert und versichert, »daß sich ein derartiger Fall nicht mehr wiederholen wird«. Mit der Sache des Kommunismus habe diese unbedachte Handlungsweise nichts zu tun, versucht Becher in seinem Brief deutlich zu machen: »Ich spüre die Kraft in mir, alle Aufgaben, die mir der Kampf und die Partei stellt, zu erfüllen.«

Bei Johannes R. Becher war es immer wieder dieser Glaube an »die Kraft des Kommunismus, in der Kritik des Scheins Glauben ohne Lüge freizumachen«, wie es ein so kritischer Kopf wie Ernst Bloch in »Das Prinzip Hoffnung« formulierte und auch für sich selber reklamierte. Das »Anderswerden« ist zeitlebens das beherrschende Thema bei Becher. Wie aus dem Erlebten neue Erkenntnis formuliert und zur Tat gebracht werden sollte, das wollte er für sich und andere erklären, immer wieder auch in seinen zahlreichen Gedichten.

Mit harmonischen Akkorden sei das jedoch nicht zu leisten: »Der Dichter meidet strahlende Akkorde. / Er stößt durch Tuben, peitscht die Trommel schrill. / ... / O Trinität des Werks: Erlebnis Formulierung Tat. / ... / Der neue, der Heilige Staat / ... / Restlos sei er gestaltet. / ...«, so kommt er uns in seinem Gedicht »Vorbereitung«, das in einem der wichtigsten Zeugnisse des Expressionismus, nämlich in dem Band »Menschheitsdämmerung« aus dem Jahre 1919, veröffentlicht wurde.

Doch es bleibt stets ein Rest. Das bleibt auch so, als Becher im Sonett mit fast Hegelscher Strenge die Form für sein Anliegen gefunden zu haben glaubt - Lösung von Widersprüchen auf jeweils höherer Stufe.

Vielleicht war es dieser auch bei der Person Becher nicht erklärbare Rest, warum wir als Philosophiestudenten der 1970er Jahre mit Interesse auch seine Gedichte lasen. Der »Barbarenzug« war dabei: »Ich sah - ich sah sie kommen, die Barbaren! / Sie kamen nicht aus einem Urwald her ...«. Aber auch: »Ich liebe dich, weil du mich hart bewachst. / Ich liebe dich, weil du mich besser machst.« Schließlich lasen wir die in »Sinn und Form« veröffentlichten Aufzeichnungen Bechers mit der Erwartung, Erklärung für Widersprüchliches zu finden. Alles sollte zwar erklärlich sein, ohne Rest, aber eben nicht so langweilig und apodiktisch wie in den Lehrbüchern dieser Jahre.

Warum nun gerade diese »Denkdichtung in Prosa« des expressionistischen und sozialistischen Lyrikers, des staatssozialistischen Gebrauchsdichters, des Verfassers des Romans »Abschied«, des kommunistischen Funktionärs und Antifaschisten und Verfassers der DDR-Nationalhymne Johannes R. Becher das Nachdenken über den Kontrast zwischen offiziellen Verkündigungen und der als sehr unvollkommen empfundenen Gesellschaft beförderte, das ist wohl heute kaum zu verstehen.

Die damalige Wirkung der Texte muss mit der rätselhaften Aura Bechers zu tun gehabt haben, der vielleicht wie kaum ein anderer in einer Person die Widersprüche dieses 20. Jahrhundert mit seinen Hoffnungen und Enttäuschungen, neuen Wahrheiten und Lügen, Aufbrüchen und Katastrophen, Unterwerfungen und Widerspenstigkeiten verkörperte. Vielleicht war es auch das Geheimnisvolle, wenn die große, aber auch abstrakte, Aufgabe »Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt« von einer so zerrissenen Persönlichkeit wie Becher gedichtet wurde. Vielleicht geht richtiges Leben so, dass es immer auch mit dem falschen zu tun bekommt.

Und noch ein Vielleicht: Letzteres spielte vielleicht bei Hans-Eckhardt Wenzel (geb. 1955) eine Rolle, der jetzt eine neue Platte mit von ihm vertonten Gedichten unter dem Titel »Sterne glühn - Wenzel singt Johannes R. Becher« herausbrachte. Fast möchte man ausrufen, dass auf eine solche Idee bloß Wenzel kommen kann. Und: Nur gut, dass er diese Idee hatte und von 2006 bis 2015 insgesamt dreizehn Lieder mit Thommy Krawallo und Hannes Scheffler sowie Stefan Dohanetz produzierte.

Wenzels Kompositionen gehen ins Ohr, berühren und verstören gelegentlich. Sie regen an. Ob die Musik nun zum »Barbarenzug« regelrecht dröhnt und rockt oder »Ich liebe dich« anrührend vertont ist, Wenzels Kompositionen finden zu einer Symbiose mit der Wortgewalt von Becher, in der sich pralles Leben und Verunsicherung ausdrücken. Und dann auch diese irren Texte wie »Gott suchend oder verschlungene Wege« und »Kino«, die Wenzel zu Collagen verdichtet hat. Das sind übrigens Texte, von denen sich Becher zuerst distanzierte und im Alter bemerkte, dass sie doch bleiben sollten und die von ihm »entwickelte tiefsinnige Korrektur-Ideologie« nichts mit einer »Art der Selbstkritik und eine Arbeit an sich selber« zu tun hatte.

Einige propagandistische Zeitgeistgedichte hätte er besser nicht schreiben sollen, wie er selber immer wieder einmal in seinen Aufzeichnungen eingestand. Keinen Kulturminister auf dem Sockel, aber auch keinen ins Gestern Verdammten finden wir auf der CD.

Nicht viel vom Vielschreiber Becher passt auf eine Platte, aber diese Wenzel-Becher-CD macht neugierig auf den ganzen Johannes R. Becher. Am Resultat kaum zu merken, welche intellektuelle Anstrengung dahinterstecken muss. Denn Becher auf diese Art, mit hohem Unterhaltungswert, ins Heute zu holen, darf wohl nicht als die leichteste Aufgabe angesehen werden. Wenzel kann das. Wenzel ist Theoretiker. Wenzel ist der lebende Beweis dafür, dass »Theorie« kein Schimpfwort sein muss.

Man kann es auch so sagen: Erst wer Marx, Hegel und Kant verstanden hat, Bloch und Benjamin auch mal dagegensetzt, kann sich von schwerfälliger Sprache der Welterklärer lösen und mit klugen eigenen und fremden Texten trotzdem Klärendes zur Lage in der Welt beitragen und dabei noch gut unterhalten.

Die theoretische Vorarbeit ist unbemerkt, aber nur durch sie, da bin ich mir sicher, konnte diese neue, wieder einmal eine ganz andere, ausgezeichnete Wenzel-Platte entstehen. So wie Wenzel hier mit Becher kommt, ist der Eindruck wohl nicht falsch, dass manche Texte auch von ihm sein könnten. Wir kennen dieses Gefühl bereits, wenn Wenzel in Konzerten neben eigenen Texten auch solche von Theodor Kramer, Christoph Hein oder Woody Guthrie bringt.

Wenn von einer rundum gelungenen Platte gesprochen werden kann, dann muss unbedingt noch die Hülle erwähnt werden. Diesmal kein Johannes Heisig (geb. 1953) auf der Wenzel-Platte, sondern ein frühes Werk des Malers Hubertus Giebe (geb. 1953) mit diesem damals im Westen und heute vielleicht überall seltsam anmutenden Realismus. Zu sehen ist ein Weg zwischen Mauern, der nicht bloß die Richtung vorgibt, sondern auch noch am Ende des Weges abzuheben scheint über die Mauern hinaus zu einem disparaten Licht hin. »Sterne unendliches Glühen«? - Mit diesem Bild von Giebe, »Die Kaserne (Weg mit Feuermauer)« aus dem Jahre 1974, kommt noch einmal zusammen, was vermeintlich nicht zusammenpasst: das Nebeneinander von Ungleichem - das Bild, das Gedicht, der Text und die Musik auf der einen Seite und dann die Wirklichkeit und ihre Geschichte auf der anderen. Und dann passt es genau deshalb, weil so das Leben ist.

Und so folgt nach dem intimen Stück »Vielleicht« mit Wenzel am Piano der musikalische Kontrast mit dem späten Becher-Gedicht »Turm von Babel«, in dem die Aktualität des immerhin über sechzig Jahre alten Textes regelrecht eingehämmert wird.

»Sterne glühn - Wenzel singt Becher«, dieses Ergebnis der Verbindung Wenzel, Becher und Giebe, ist jedenfalls sehr zu empfehlen.

 

»Sterne glühn. Wenzel singt Johannes R. Becher« (Matrosenblau)

 

 

Das Theater im Revier und Heinz Klevenow

Beitrag in der Zeitschrift "Das Blättchen" [18. Jg. (2015) Nr. 20]

von Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann 

Wer über Heinz Klevenow etwas sagen will, muss über Theater reden. „Wege übers Land“ nennt der renommierte Theaterkritiker Hartmut Krug sein Ende August 2015 aus Anlass des 75. Geburtstages des Schauspielers, Regisseurs und Intendanten Klevenow im Verlag Theater der Zeit erschienenes Buch.

Heinz Klevenow, am 28. August 1940 als Sohn der Schauspielerin Marga Legal (1908-2001) und des Schauspielers, Regisseurs und Intendanten Heinz Klevenow (1908-1975) in Prag geboren, kommt über Umwege zum Beruf des Schauspielers. Sein erstes Engagement führt ihn nach Weimar, wo großes Theater und Provinzialität auf sehr spezifische Weise aufeinandertreffen. Es folgen Stendal, Senftenberg und Halle, dann Leitungsfunktionen in Halle (am Puppentheater), Rudolstadt und Rostock. Schließlich wird Klevenow 1989 Intendant am Theater in Senftenberg, das zu dieser Zeit noch Theater der Bergarbeiter heißt. Und obwohl er bis zu dieser Zeit bereits einen Namen hat, heute ist der Name Klevenow vor allem mit der Rettung der NEUEN BÜHNE Senftenberg verbunden.

Seit der Gründung im Oktober 1946 ging es in Senftenberg, auf Niedersorbisch Zły Komorow, was aber zuerst durch die Nazis und dann durch Bergbau und Industrialisierung mehr und mehr verdrängt wird, immer wieder um das Weiterleben des Theaters. In der Provinz macht das viel Arbeit, denn hier ist gutes Theater nicht automatisch berühmtes Theater. Heinz Klevenow kennt die für Fremde seltsame Mentalität der Menschen im Revier und lässt sich darauf ein, für diese Theater zu machen. Der Spruch auf den Plakaten „Ich bin Bergmann, wer ist mehr!“ wurde von vielen gelebt, war ernst gemeint. Dann das Ende des Bergbaus. Doch ein Theater, das nicht mit Umbrüchen und Unberechenbarem zu tun bekommt und dieses meistert, ist vielleicht nicht so lebendig und vor allem nicht so langlebig wie das Theater Senftenberg.

Gegründet im Oktober 1946 „auf Befehl“ von Oberst Iwan D. Soldatow in einer Zeit des Hungerns, der Ungewissheit, aber auch der großen Hoffnung, dass die Menschen doch wieder zur Vernunft kommen mögen, waren es dann in der Geschichte des Hauses immer wieder neu zu schaffende Voraussetzungen für gutes Theater. Lediglich drei sollen genannt werden.

Erstens: Zuerst muss Theater gewollt sein. Theater braucht Publikum. Jedoch, hätte sich das Senftenberger Theater bloß nach Geschmack und Quote gerichtet, der 75. Geburtstag von Heinz Klevenow könnte nicht im Theater gefeiert werden. Andererseits kann und soll Publikum den kulturpolitischen Kassenwarten und ideologischen Kunstwächtern auch Angst machen, wenn sie mit „veränderten Erwartungen“, „wachsendem Legitimationsdruck“ und dem „demografischen Faktor“ drohend Finanzen kürzen wollen. Mit dieser komplizierten Dialektik umzugehen, das will erst einmal geschafft sein. Heinz Klevenow hat das geschafft.

Dabei ist in diesem Fall mit „Dialektik“ völlig unhegelianisch und unmarxistisch die Kunst gemeint, immer wieder auf die Füße zu fallen. Anders gesagt, man muss schlau sein, nicht bloß gebildet, um ein Theater über die „Wende“ zu bringen und dann immer wieder mal konzeptionelle Überlegungen der Kulturbürokratie zur „Neuordnung der Theaterlandschaft“ im Lande abprallen zu lassen. Dass Klevenow das hinbekommt, war frühzeitig klar, nämlich als er den Termin für die Neueröffnung nach dem Umbau des Theaters auf den 16. Oktober 1990 trickste, um nicht mit dem ausgemusterten „7. Oktober“ oder dem garantiert vorher zu veranstaltenden „Tag der deutschen Einheit“ zu kollidieren. Glück gehört natürlich auch dazu, wenn Theater gegründet oder in eine neue Gesellschaft gehoben werden. Gardeoberst Iwan D. Soldatow war ein solcher Glücksfall. Christoph Hein würdigte zum Theaterjubiläum 2006 die Eröffnung des Senftenberger Theaters durch ihn als „eine bewundernswerte Großtat, die uns verpflichtet“.

Ja, es soll deshalb gelten: Ein in Hungerzeiten gegründetes Theater schließt man nicht in Zeiten des Überflusses.

Zweitens: Weiterhin müssen Künstlerinnen und Künstler da sein, die Theaterspielen können, genau dieses Theater an diesem Ort wollen und dann auch noch von dieser Arbeit leben können. Klevenow als Faust und Mephisto, als Nathan, als Richter Adam in „Der zerbrochene Krug“ oder auch als Campingplatzwart in einem irren Sommerstück fürs Amphitheater und in vielen anderen Rollen – Heinz Klevenow ist gut. In heutiger Zeit, in der das Wort großer Schauspieler fast nur noch in Verbindung mit roten Teppichen, Blitzlichtgewittern und Sternchen im Boden weit entfernter Fußgängerzonen genannt wird, muss man es betonen: Heinz Klevenow war nicht nur Theaterintendant in Senftenberg, er ist ein großer Schauspieler.

Spätestens beim Odysseus in der Inszenierung von Karl Gündel war das wohl klar. Und dann Klevenow als Stéphane Hessel mit „Empört Euch!“ in der „Jedermann“- Inszenierung von Sewan Latchinian. Da waren Eigensinn und Empfindsamkeit, das war Klevenow. Theater lebt davon, dass man nicht auf der Couch sitzen bleibt und wegen Klevenow zum Beispiel ein Stück zum zweiten Mal sehen will. Weil Klevenow Künstler ist, weiß er auch, wie eine Ansammlung von Individualisten zu einer kollektiven Höchstleistung zu bringen ist. Klevenow kennt auch genau den Unterschied zwischen Spielstätte und Ensembletheater. Das ist wichtig. Zu vermuten ist, diesen Unterschied zu erklären, wird in nächster Zeit noch wichtiger werden.

Drittens: Schließlich müssen unter Künstlern stets auch solche sein, die über ihre künstlerische Arbeit hinaus es auf sich nehmen, gutes Theater zu organisieren – sich mit den Rahmenbedingungen herumzuschlagen, die eigenen Leute zu motivieren, mit den Kassenwarten und Bürokraten umzugehen und es sich mit Verbündeten und Feingeistern nicht zu verderben. Es geht immer wieder um Herausforderungen im Spannungsverhältnis zwischen „Theater als moralische Anstalt“ und „Marktkonformität“. Klevenow wollte ein Amphitheater – für viele zahlende Gäste.

Sehr energisch setzte er diese Idee durch, die man durchaus als Reaktion auf die Macht des Marktes bezeichnen kann. Mehr jedoch ist das Amphitheater ein Ort für Menschen, die auch im Sommer Theater wollen oder sonst niemals ins Theater gehen.

Und man sollte als Chef eines Theaters wissen, wann Schluss ist. Auch das bekam Heinz Klevenow 2004 hin und besorgte, für einen scheidenden Intendanten ungewöhnlich uneitel, dem neuen Intendanten Sewan Latchinian die besten Bedingungen.

Als Klevenow Intendant wurde, stand die Frage, ob sein Theater mit „wehenden Fahnen als Mehrspartentheater untergehen oder unter einer neuen Struktur weiterleben“ wollte. Weiterleben, das war die Ansage von Klevenow. Das klingt gut und soll so in den Geschichtsbüchern stehen. Doch in Erinnerung ist auch die Lautstärke, mit der Heinz Klevenow mitunter seine Position vertrat. „Feingeistig“ wäre nicht das richtige Wort dafür. Denn Weiterleben hieß ja auch, dass ein ganzes Orchester das Theater verlassen musste. Und so gab es damals in den hitzigen und oft überhaupt nicht sachlichen Diskussionen im Klub der Intelligenz des Kulturbundes nicht bloß Beifall für den Intendanten Klevenow.

Dennoch, Empfindsamkeit und Mitgefühl trotz der Härte, die notwendig ist, um ein Theater unter kapitalistischen Bedingungen in der Provinz am Leben zu halten, sind die Markenzeichen von Heinz Klevenow. Jetzt kommt noch Altersweisheit dazu. Im Theater und im Revier wird das gebraucht. Klevenow bleibt weiterhin Schauspieler an der NEUEN BÜHNE.

Hier geht es zum Beitrag auf der Homepage des Blättchens ... 

 

 

Wendischer Nachmittag am 22. August in Senftenberg / Zły Komorow

Beitrag von Gerd-Rüdiger Hoffmann für die niedersorbische Zeitung Nowy Casnik

Zły Komorow (Senftenberg), das wissen nicht nur die Leserinnen und Leser dieser Zeitung, hat regelmäßig Bildendes und Unterhaltendes zur Kultur und Geschichte der Sorben/Wenden zu bieten. Dem teilweise heftigen Streit um die Frage, ob Zły Komorow zum sorbischen/wendischen Siedlungsgebiet zu rechnen sei, ist sicherlich geschuldet, dass es vor allem politische Bildungsveranstaltungen sind, die auf großes Interesse bei der Bevölkerung rund um Zły Komorow treffen. Das Lausitzbüro der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg kann ein Lied davon singen, wenn wieder einmal der Raum für eine geplante Bildungsveranstaltung zu klein war, etwa beim Philosophieabend über die sorbische Intellektuelle Marja Grólmusec. Auch die Veranstaltungen der Cottbuser Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur in der Wendischen Kirche, einschließlich der Niedersorbisch-Sprachkurs, sind stets gut besucht. Die Domowina-Ortsgruppe ist inzwischen eine von der Lokalpolitik ernst genommene Instanz. Um die Teilnehmerzahl beim jährlich stattfindenden deutsch-wendischen Gottesdienst wird so manche Gemeinde im Siedlungsgebiet den Senftenberger Pfarrer Manfred Schwarz beneiden. Es sieht also recht gut aus im Bemühen, die sorbische/wendische Geschichte und Kultur in der Senftenberger Bevölkerung bewusst werden zu lassen und bei den Sorben/Wenden unter ihnen die Sprache zu revitalisieren. Mit der Wendischen Kirche als Symbol und Ort dieser Bemühungen im Zentrum der Stadt sind sehr gute Voraussetzungen gegeben.

Nun jedoch gab es zum wiederholten Mal im Rahmen dieser Anstrengungen von Domowina und Niedersorbischer Sprachschule eine Einladung in die Gaststätte der Gartensparte „Heimatruh“ am Rande der Stadt. Das ist eventuell riskant mit Blick auf Teilnehmerzahlen, aber mehr als eine symbolische Geste und sicher gut so. Die rührige Leiterin der wendischen Cottbuser Bildungseinrichtung Maria Elikowska-Winkler hatte zum ersten wendischen Nachmittag eingeladen, um gemeinsam mit der Tanzgruppe Bährenbrück und der Malerin Evelyn Pielenz Unterhaltsames und Unbekanntes vorzustellen. Unterstützung fanden sie beim Wirt Ralf Lapstich, selbst sorbischer Herkunft. Und so fühlten sich alle beim Zuschauen der Tänze, bei den Erläuterungen zu den unterschiedlichen Trachten und zur Sprache gut unterhalten. Mitmachen konnte man beim Quiz um Ortsnamen sowie beim Malen von wendischen Symbolen und Sagengestalten. Nicht zuletzt wurde Interesse an der Sprache geweckt, weil Maria Elikowska-Winkler, ganz Lehrerin, einige lustige Beispiele vorführte, was passiert, wenn ähnlich geschriebene Wörter durcheinander geraten. Den Unterschied zwischen žiwa und žywa oder zwischen žabys und zabiś werden sich viele nach diesem anregenden Nachmittag wohl merken. Vielleicht bekamen einige Gäste auch Lust auf den Niedersorbisch-Sprachkurs in der Wendischen Kirche. Schließlich wurde auch gemeinsam getanzt. Warum bei wendischer Folklore auch immer wieder die Annemarie-Polka dieses Nazi-Marschliederkomponisten Herms Niel (Hermann Nielebock) dabei sein muss, verstehe ich bis heute nicht. Aber warum sollte diese Frage nicht Gegenstand einer weiteren Veranstaltung sein?

 

Der Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe des Nowy Casnik auf Niedersorbisch (zum Lesen hier klicken) und auf Deutsch (zum Lesen hier klicken) erschienen.

Zur Tageszeitung Nowy Casnik...

 

 

Weltgeschichte und Bilder aus der Provinz. Warum dieses Thema? Warum in der NEUEN BÜHNE Senftenberg?

Referat zur Konferenz „PROVINZ VERSUS PROVINZIALITÄT - 5“, 4. Juni 2015 in Senftenberg

von Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann 

Manchmal führt uns Überraschendes und Nebensächliches, hingeworfen aus einer Laune heraus oder auch als Geistesblitz, gar nicht fort vom Streben, Zusammenhänge immer besser erkennen zu wollen. Walter Benjamin spricht im „Passagen-Werk“ davon, dass es gelte eine Verbindung „zwischen Geistesgegenwart und der ‚Methode‘ des dialektischen Materialismus zu etablieren“ . Damit könnte das Schema eines dogmatischen historischen Materialismus durchbrochen werden, nach dessen Vorstellungen für eine revolutionäre Avantgarde die Aufgabe vor allem darin bestünde, den gesetzmäßig verlaufenden historischen Prozess zu begreifen und aktiv - durchaus auch mittels Revolutionen - zu gestalten. Um Fortschritt ginge es, alles technisch Machbare gelte es deshalb anzuwenden. Das sei zum Nutzen der Menschen. Durchaus spannend erklärt war das alles in dem dicken Buch „Weltall - Erde - Mensch“, das meine Generation noch zur Jugendweihe geschenkt bekam. Wir erinnern uns auch an den Zeitstrahl im Geschichtskabinett der Polytechnischen Oberschule, der Fortschritt nicht einmal als einen spiralförmigen Prozess darstellte, sondern als geradlinigen nach oben weisenden vom tiefen Schwarz der Urgesellschaft unten bis zum Fahnenrot des Kommunismus oben. Die Beherrschung der Natur, rauchende Schornsteine, Eisenbahntrassen, Mais auf unfruchtbarem Acker, künstliche Flussläufe und Seen und die Eroberung des Weltraums waren einige der Symbole für diesen Geschichtsoptimismus. Der erste Mensch im Weltall wurde 1961 als „großer Sieg der Vernunft und der Arbeit“  auf dem Weg in eine helle Zukunft gefeiert. 

Und dann aber kommt uns Juri Gagarin mit einer Antwort auf die Frage, wie es denn da oben aussehe, die Plakatmaler den Pinsel aus der Hand fallen lassen mussten: „Dunkel ist es, sehr dunkel, Genossen.“ Wir hören diesen Satz heute Abend in Heiner Müllers „Germania 3“ noch einmal.  

Manuel Soubeyrand lässt diesen Satz in seiner Inszenierung jedoch nicht als Schlussakkord stehen, sondern endet mit Bertolt Brecht „An die Nachgeborenen“, so dass die berühmten Stellen daraus nachhallen und so manchen Theaterbesucher nach so viel Zumutung durch das Müller-Stück wieder versöhnlich stimmen könnten:

„Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut

In der wir untergegangen sind

Gedenkt

Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht

Auch der finsteren Zeit

Der ihr entronnen seid.

(…) Ach, wir

Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit

Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es so weit sein wird

Daß der Mensch dem Menschen Helfer ist

Gedenkt unsrer

Mit Nachsicht.“ 

Nun war Juri Gagarin bestimmt kein Philosoph, so dass Interpretationen seiner Antwort auf die Frage, wie es da oben denn so sei, in diese Richtung fehl am Platze wären. Mit dieser Antwort jedoch bewies Gagarin Geistesgegenwart und hielt sich am Wirklichen und nicht am dogmatischen Anspruch, nicht daran, was die Zeitungen später meinten gehört zu haben. Und es war eine Antwort, die so gar nichts gemein hatte mit dem Streben, jede noch so kleine Episode, Überraschendes oder Nebensächliches, in den durch den Zeitstrahl definierten großen historischen Kontext zu stellen und damit restlos auch dieses zu erklären - als „Abweichendes“ oder „Besonderes“ im Verhältnis bzw. Nichtverhältnis zu den verkündeten allgemeinen Gesetzes des Geschichtsverlaufs.

Walter Benjamin will mit seiner Auffassung von Geschichte weg von dieser eindimensionalen Sicht. Es gäbe so viel Überraschendes zu sehen, nicht bloß durch grübelndes Reflektieren, sondern auch beim Flanieren zum Beispiel. Benjamin glaubte nicht daran, dass wir einem gesetzmäßigen Verlauf der Geschichte ausgeliefert sind. Jedoch sind wir auch nicht nur Zufällen und einer Beliebigkeit von Ereignissen unterworfen. Gegen den Konformismus der (marxistischen) Sozialdemokratie betont er das aktive Moment. Zum Begriff des Fortschritts notiert Benjamin im „Passagen-Werk“: „Für den Dialektiker kommt es darauf an, den Wind der Weltgeschichte in den Segeln zu haben. Denken heißt bei ihm: Segel setzen. Wie sie gesetzt werden, das ist wichtig. Worte sind seine Segel. Wie sie gesetzt werden, das macht sie zum Begriff.“  Gerade hier, beim Begriff von Fortschritt, „hat der historische Materialismus alle Ursache, sich gegen die bürgerliche Denkgewohnheit scharf abzugrenzen. Sein Grundbegriff ist nicht Fortschritt sondern Aktualisierung.“ 

Wer sich nun aber dieses Denken von Walter Benjamin zu eigen macht, der kommt nicht umhin, „Geistesgegenwart“ als sachgemäße Reaktion auf das Zusammenprallen von Unvorhersehbarem und theoretisch Denkbarem zu begreifen. Benjamin spitzt zu und schreibt: „Entscheidend ist weiterhin, daß der Dialektiker die Geschichte nicht anders denn als eine Gefahrenkonstellation betrachten kann…“  Wir ergänzen: auch wenn der weitgehend definierte Verlauf der Weltgeschichte und Bilder aus der Provinz aufeinander treffen, kann dieser Gedanke von Geschichte als Gefahrensituation aufkommen. Heiner Müllers Stück „Germania 3. Gespenster am toten Mann“ ist eine collagenhafte dramatische Verarbeitung von Ansammlungen solcher Gefahrenkonstellationen. Doch der Gedanke wird von Benjamin weitergeführt, so dass theoretisch Denkbares und die Idee vom selbstbestimmten Handeln gerettet scheinen. Denn, so geht Benjamins Gedanke weiter, der Dialektiker ist jemand, der die Geschichte als Gefahrenkonstellation betrachtet, die er jedoch, „… denkend ihrer Entwicklung folgend, abzuwenden jederzeit auf dem Sprung ist.“  Heiner Müller hat es in einem Diskussionsbeitrag 1981 so auf den Punkt gebracht, dass „Subversion der Kunst … notwendig ist, um die Wirklichkeit unmöglich zu machen.“  Wer dennoch am „Auftrag“ festhält und die Lehrbuchwirklichkeit immer noch als bare Münze betrachtet, der landet eben mit dem Fahrstuhl nach oben irgendwo unten in der Provinz - auf einer Dorfstraße in Peru zum Beispiel.  

In der Kunst war es die von Pablo Picasso und Georges Braque Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte Collage als bewusstes Ausdrucksmittel, das scheinbar nicht Zusammenpassende eben doch zusammenzubringen. Im Gegensatz zu einigen Lehrbuchmeinungen glaube ich nicht, dass die Collage-Künstler mit ihren Bildern lediglich den Bruch mit tradierten akademisierten Malweisen wollten, die politische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit in der beschriebenen dialektischen Bedeutung erst durch Textcollagen möglich wurde. Denken wir zum Beispiel an das Bild von Kasimir S. Malevič (1879 - 1935) „Ein Engländer in Moskau“ (1913/1914). Natürlich kann man darüber diskutieren oder auch promovieren, ob diese Collage noch viel provokanter geworden wäre, wenn Malevič tatsächlich wie ursprünglich ausgeführt einen echten russischen Holzlöffel auf dem Bild gelassen hätte. Für mich noch interessanter ist, dass hier deutlich wird, dass scheinbar zufällig nebeneinander oder übereinander aufs Bild Gebrachtes eine neue Sicht, einen ungewöhnlichen Zusammenhang ermöglichen lässt. Denn das Provokante und Subversive muss sich nicht schrill an Äußerlichkeiten festmachen, so wie bei der künstlerischen Moskauer Avantgarde vor 1920 mit ihrer alternativen nichteuropäischen Kleidung. „Der Engländer in Moskau“ war nämlich auch ein Vertreter der Moskauer Avantgarde, kein Engländer, sondern der Dichter und Freund von Malevič Aleksei E. Kručënych (1886 - 1968). Im Äußeren immer korrekt, dunkle Anzüge und weiße Hemden. Aber er war es, der besonders radikal das politische System des Zarismus angriff.  Er verfasste zum Beispiel 1912 gemeinsam mit Vladimir V. Maâkovskij (1893 - 1930) und anderen das Manifest „Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack“. 

Die Frage war und ist immer wieder: Wie gehen wir damit um, wenn alles gleichzeitig passiert, Äußerliches und Wesentliches nicht zusammenfallen, eingeübte Gewissheiten bröckeln und nichts geordnet ist nach einem Schema, das Fortschritt als ständige Höherentwicklung definieren will? Und was wird aus den Hoffnungen, wenn wieder einmal etwas schief geht? 

Manuel Soubeyrand lässt „Germania 3“, anders als bei Heiner Müller, mit der Szene über den Babylonischen Turmbau beginnen. Beim Probenbesuch hat mich das überrascht: Alle Mitwirkenden sitzen auf der Bühnenkante und Soubeyrand choreografiert regelrecht ein harmonisches kollektives Sprechen, das nicht an Babylon und den in Chaos und Katastrophe gescheiterten Turmbau denken lässt. Doch Manuel Soubeyrand hat damit in sinnlich beeindruckender Weise stark betont, was Anliegen auch von Heiner Müller war. Denn trotz der Gleichzeitigkeit von Horror, Revolution, Hoffnung, Unterdrückung, Glück und Katastrophe, es geht immer wieder um den menschlichen Gedanken, einen bis in den Himmel reichenden Turm zu bauen. Das sei das Wesentliche. „Der Gedanke, einmal in seiner Größe gefasst, kann nicht mehr verschwinden…“  Schön optimistisch gesagt von Heiner Müller. Doch dann folgt sogleich Dialektik als Collage, denn bereits die zweite oder dritte Generation, so Heiner Müller, hatte die Sinnlosigkeit des Turmbaus erkannt, hielt aber dennoch am einmal gefassten Beschluss fest. Und dann beginnt das Stück über die hochfliegenden Pläne und gescheiterte Hoffnungen des 20. Jahrhunderts. Das Stück von Heiner Müller selbst, vielleicht noch mehr die unpathetische Inszenierung von Manuel Soubeyrand des teilweise sehr pathetischen Textes, und der Ort - das 1946 in Zeiten des Hungerns maßgeblich von einem sowjetischen Gardeoberst ins Leben gerufene Senftenberger Theater, haben zu den Themen dieser Konferenz geführt. Walter Benjamin und Heiner Müller waren Anregung und auch Provokation, die fünfte Kulturkonferenz der Reihe „Provinz versus Provinzialität“ in dieser Form zu versuchen. In Anlehnung an Bertolt Brecht heißen die zwischen 1986 und 1994 im Verlag der Autoren von Heiner Müller erschienenen Texte, Gespräche und Interviews „Gesammelte Irrtümer“ .

Deshalb: Als Historiengemälde kann diese Konferenz nur scheitern, jedoch erfolgreich scheitern, wenn die Collage gelingt. Und so haben wir vor, über „Gedenken und was wirklich war“, „Geschichten aus der Provinz und wie es sein könnte“ und „Vom kritischen Eingedenken“ zu diskutieren. Außerdem versuchen wir mit der Runde der Kunstmuseumsdirektorin aus Cottbus und Theaterintendanten aus der Provinz noch eins drauf zu setzen, also den Holzlöffel wieder auf das Malevič-Bild zu kleben. Hans-Eckart Wenzel, der radikalste politische Dichterphilosoph, Sänger und Blochianer meiner Generation, hat auf das Begleitheft zu seiner Platte mit schrägen Schlagern, Saufliedern und Schnulzen ein Benjamin-Zitat appliziert, also eine Collage anfertigen lassen. Und so ist dort zu lesen: „‚Die Ordnung des Profanen hat sich aufzurichten an der Idee des Glücks.‘ Walter Benjamin“ 

Doch sowenig Wenzels „Schnulzen“ unpolitisch sind, so wenig ist das herausgelöste Benjamin-Zitat allein für bare Münze zu nehmen. Denn der gesamte Text, wahrscheinlich 1920/1921 entstanden, führt uns gedanklich eher zu Heiner Müllers „Germania 3. Gespenster am toten Mann“ als dazu, das Zitat in eine Sammlung hübscher Sprüche aufzunehmen. Das macht der Dialektiker Wenzel eben schlau. Wer nur deshalb Bücher liest und sich Vorträge anhört, weil er eine einmal gefasste Meinung lediglich bestätigt haben will, merkt das natürlich nicht.

Bei den bisher genannten Fragen scheint immer wieder eine zentrale Frage auf, nämlich die, ob es nicht doch eine Leitidee, ein Zentrum, eine Metropole geben müsse, um Orientierung für die Ränder - die Provinz und die Peripherie - bieten zu können. Wenn wir nun bereits zum fünften Mal eine Kulturkonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung „Provinz versus Provinzialität“ nennen, dann ist hoffentlich klargestellt, dass wir „Provinz“ sehr selbstbewusst verwenden. Auf unserer Collage blitzte immer wieder auf, dass neue Ideen, ein oft schmerzendes und dadurch zu optimistischen Ansätzen taugendes Problembewusstsein sowie theoretische Untersuchungen im Überbaulichen sowie Kreativität und Geistesgegenwärtiges im Praktischen in der vermeintlichen Provinz viel deutlicher zu identifizieren sind als in hektischen und manchmal wichtigtuerischen Metropolen. Es zeigt sich auch, nicht zuletzt in Bürgerinitiativen und beim Leiden unter ungelösten Problemen der „großen Politik“, dass sich die großen Konflikte mitunter am deutlichsten am Rand, in der Provinz, in der Peripherie widerspiegeln. Die Bürgermeisterin der kleinen Mittelmeerinsel Lampedusa Giusi Nicolino hat das mit einem eindringlichen Bild zum Ausdruck gebracht: „Wenn jemand behauptet, dass wir die Peripherie sind, dann braucht er sich nur mal die Landkarte anzusehen: Wir sind genau in der Mitte!“ 

Sicher, die politische Dimension ist schwer vergleichbar, aber mit einem Perspektivenwechsel könnten der seltsam technokratischen und fortschrittsgläubigen Sicht der Regierenden die erfrischenden und nichtkonformistischen Ideen der Bürgerinitiativen zur Rettung des Altdöberner Sees oder zur Wiederbelebung des Sorbischen/Wendischen in Senftenberg als Alternative zum ewig Üblichen angeboten werden. Doch wir hören die Ermahnung aus Parteibüros und der Landeshauptstadt, auf die Ebene des Sachlichen zurückzukehren. Emotionen würden nicht weiterhelfen. Und es folgt oft noch die Belehrung, dass man das Große und Ganze nicht aus dem Auge verlieren dürfe. Wer bestimmt, was das ist, das Große und Ganze? Oder die „Weltseele“ gar, wenn schon nicht mehr so einfach vom für alle Menschen gleich gültigen Fortschrittsanspruch gesprochen werden soll?

Nicht immer klappt es mit dem Perspektivenwechsel. Vor zwei Jahren bin ich mit großen Erwartungen zur 55. Biennale nach Venedig gereist. Schließlich hatten Frankreich und Deutschland ihre Pavillons getauscht. Damit war, dachte ich, die Idee verbunden, den universellen Charakter von Kunst und Kunstproduktion zu betonen und die Idee vom Wettbewerb der Nationen auf dem Gebiet der Kunst endlich aufzugeben. So waren also die Franzosen im deutschen Nazibau und die Deutschen im französischen Pavillon. In der französischen Ausstellung habe ich mich gelangweilt. In der deutschen dominierte der deutsche Lieblingsdissident Ai Weiwei. Der ist inzwischen zu bedauern, weil durch diese Instrumentalisierung der immer noch gute Künstler Ai Weiwei kaum zur Geltung kommen kann. Das mag meine sehr subjektive Ansicht sein. 

Über subjektive Wahrnehmung und Geschmack geht hinaus, wenn 2013 in Venedig konzeptionell der Gedanke des Enzyklopädischen verkündet wird, jedoch in schwabbelig esoterischem Eurozentrismus gefangen bleibt. Um die vielen Handschriften aus so vielen Ländern in der größten Kunstschau der Welt doch noch unter einer Idee zu vereinen, fand man für die Kunstschau die Überschrift „Palazzo Enciclopedio (Enzyklopädischer Palast)“. Ein Turm zur sortierten Aufbewahrung des gesamten Wissens der Menschheit, in den 1950er Jahren gebastelt von einem Karosseriebauer, musste im ersten großen Raum der Arsenale das zentrale Kunstwerk für dieses Konzept hergeben. Und dann noch die Objekte im größten Raum des Zentralpavillons von Carl Gustav Jung und gleich im Nachbarraum von Rudolf Steiner, die präsentiert wurden, als wäre nun endlich die Lösung für das Große und Ganze und die Auflösung der vielen Geistesblitze in einem alles Umfassenden gefunden.  Doch hier wurde Interkulturelles zur Exotik, indem die eurozentristische Bewertung der Anderen zur Norm erhoben wurde. Ich gebe zu, es hat mich zusätzlich geärgert, dass der naziaffine Carl Gustav Jung mit seiner Idee von einer Art Weltseele, die für das Enzyklopädiekonzept der 55. Biennale in Venedig als „interkulturelle Klammer“ herhalten muss, gegen Siegmund Freud gewinnen darf. Seine Wandtafelbilder sind jetzt Kunst, nachdem sie als Wissenschaft keine rechte Anerkennung finden wollten.

Ironie und Hoffnung: Die Ausstellung Angolas wurde 2013 als bester Länderbeitrag bewertet. Und die offizielle chinesische Ausstellung empfand ich als ästhetisch interessant und äußerst sozialkritisch. Nichts passte zum Glück ins Schema. Es war interessant in Venedig.

Die 56. Biennale in Venedig in diesem Jahr dürfte als Kontrast zur vorangegangenen gelten. Nicht zuerst deshalb, weil die Rosa-Luxemburg-Stiftung an einem Projekt beteiligt ist, bei dem tagelang aus dem „Kapital“ von Marx vorgelesen wird. Auch nicht, weil alte Probleme mit neuer Schärfe hervorgetreten sind. Ist zum Beispiel der Kunstmarkt durch die in der Wirtschaft herrschenden Globalisierungslogik so stark „bereinigt“, dass nur noch sehr wenige einflussreiche Galeristen bestimmen, was in Venedig gezeigt wird? Wenige bestimmten damit den Welttrend. Wie ist es dann aber um die Freiheit der Kunst bestellt? In diesen Fragen ist wahrscheinlich kein erheblicher Kontrast zwischen 2013 und 2015 festzustellen.

Entscheidend für die Behauptung, dass die Biennale 2015 von wesentlich anderen konzeptionellen Ansätzen ausgeht, waren für mich nicht diese Gesichtspunkte, sondern die Äußerung des künstlerischen Leiters der diesjährigen Biennale Okwui Enwezor, dass es endlich darum gehen müsse, den Begriff der Moderne von westlicher Enge zu befreien. In einem 2014 veröffentlichten Interview formulierte er die Aufgaben des von ihm geleiteten Münchener Hauses der Kunst und sagte zum Beispiel: „Nun haben wir Gelegenheit, das uns vererbte kunstgeschichtliche Modell - die NATO-Version der Kunstgeschichte - zu überdenken.“  Darum geht es, auf das Thema „Weltgeschichte und Geschichten aus der Provinz“ übertragen, wenn wir über kritisches Eingedenken reden. Denn kritisches Eingedenken meint, dass die Sicht der Sieger auf die Geschichte nicht der Maßstab sein dürfe.

Um „Eingedenken“ geht es, nicht bloß um „Einfühlen“. Denn in wen fühlt sich der Geschichtsschreiber des Historismus eigentlich ein? Walter Benjamin dazu: „Die Antwort lautet unweigerlich in den Sieger. Die jeweils Herrschenden sind aber die Erben aller, die je gesiegt haben. Die Einfühlung in den Sieger kommt demnach den jeweils Herrschenden allemal zugut. (...) Wer immer bis zu diesem Tag den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die heute am Boden liegen.“  Und weiter: „... auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.“  „Die Beute wird (...) im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als die Kulturgüter. Sie werden im historischen Materialisten mit einem distanzierten Betrachter zu rechnen haben. Denn was er an Kulturgütern überblickt, das ist ihm samt und sonders von einer Abkunft, die er nicht ohne Grauen bedenken kann. (...) Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozeß der Überlieferung nicht (...) Der historische Materialist rückt daher nach Maßgabe des Möglichen von ihr ab. Er betrachtet es als seine Aufgabe, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten.“ 

Zur Anregung für die Diskussion und um eine Brücke zu „Germania 3. Gespenster am toten Mann“ zu schlagen zitiere ich an dieser Stelle noch Eduardo Galeano (1940 - 2015). Er schrieb 1991: „Der Westen fühlt sich als Sieger und feiert. Der Zusammenbruch des Ostens hat ihm ein Alibi verschafft: im Osten war es auf jeden Fall schlimmer. War es schlimmer? Eher, denke ich, wäre die Frage zu stellen, ob es wirklich so völlig anders war. Im Westen die Opfertische der Göttin Produktivität: man schlachtet die Gerechtigkeit im Namen der Freiheit. Im Osten die gleichen Altäre, nur dass die Freiheit auf der Strecke bleibt, während man Gerechtigkeit zu realisieren meint.“ 

Mit diesem Ruf, endlich wach zu werden, ist wohl nicht bloß der Süden gemeint. Denn, so Walter Benjamin: „Erinnerung und Erwachen sind aufs engste verwandt. Erwachen ist nämlich die dialektische, kopernikanische Wendung des Eingedenkens.“ 

 

Fußnoten 

 

  1. Walter Benjamin. Über den Begriff der Geschichte. In: Der.: Gesammelte Schriften. Band I.2. Frankfurt am Main 1991. S. 695
  2. Walter Benjamin. Passagen-Werk. In: Ders. Gesammelte Schriften. Band V.1. Frankfurt am Main 1991. S. 586
  3. Комсомольская правда. 13.04.1961. c. 1
  4. Vgl.: Heiner Müller. Germania 3. Gespenster am toten Mann. Köln 1996. S. 81
  5. Bertolt Brecht. An die Nachgeborenen. In: Der.: Gedichte. Band IV (1934 - 1941). Berlin/Weimar 1978. S. 150f.
  6. Walter Benjamin. Passagen-Werk. In: Ders. Gesammelte Schriften. Band V.1. S. 591
  7. Walter Benjamin. Über den Begriff der Geschichte. A.a.O. S. 695
  8. Ebenda. S. 587
  9. Ebenda.
  10. Heiner Müller. Diskussionsbeitrag auf der „Berliner Begegnung“ vom 13. und 14. Dezember 1981. In: Heiner Müller Material. Leipzig 1989. S. 94
  11. Vgl.: Heiner Müller. Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution. In: Ders.: Revolutionsstücke. Stuttgart 1995. S. 48ff. - „Der Auftrag“ wurde am Senftenberger Theater zweimal inszeniert, einmal als Projekt während des Umbaus des Theatergebäudes in der Aula der damaligen Ingenieurschule für Bergbau und Energetik „Ernst Thälmann“ 1989, dann noch einmal Ende der 1990er Jahre.
  12. Vgl.: Felix Philipp Ingold. Im Namen des Autors. Arbeiten für die Kunst und Literatur. Paderborn 2004. S. 244ff. - Zu Malevič vgl. auch: Klaus Hammer. Meister des „Schwarzen Quadrats“. „Kasimir Malewitsch und die russische Avantgarde“ in der Bundeskunsthalle Bonn. In: neues deutschland. 11. Juni 2014. S. 13
  13. Vgl.: Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack. Russische Futuristen. Hamburg 2001
  14. Heiner Müller. Germania 3. A.a.O. S. 68
  15. Heiner Müller. Gesammelte Irrtümer 1 - 3. Frankfurt am Main 1996
  16. Wenzel. König von Honolulu (CD). Matrosenblau 2009 - Das Benjamin-Zitat ist entnommen: Walter Benja-min. Theologisch-politisches Fragment. In: Ders. Gesammelte Schriften. Band II.1. Frankfurt am Main 1991. S. 203
  17. Giusi Nicolino zitiert aus: Anna Maldini. Kein Felsplateau im Nirgendwo. neues deutschland, 25./26.4.2015. S. 20
  18. Vgl.: Tim Sommer. Wunder im Hirn. In: Biennale Venedig. art spezial. Hamburg 2013. S. 24ff.
  19. Ich trage nicht die afrikanische Flagge! Okwui Enwezor im Gespräch mit Daniela Roth. In: Magazin der Kul-turstiftung der Länder. Nr 22 - Frühling/Sommer 2014. S. 11
  20. Walter Benjamin. Über den Begriff der Geschichte. A.a.O. S. 696f.
  21. Ebenda. S. 695
  22. Ebenda. S. 696f.
  23. Eduardo Galeano. Der Weg der ersten Welt. In: Hermann Schulz (Hrsg.). Das Kuckucksei. Wuppertal 1992. S. 185
  24. Walter Benjamin. Passagen-Werk. In: Ders. Gesammelte Schriften. Band V.2. A.a.O. S. 1058

 

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Zu den Ereignissen in Frankreich: Das war ein Angriff auf ein immer wieder neu einzulösendes Freiheitsideal

Trauer um die Opfer und Aufgaben politischer Bildung

von Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann

Die der Kommunistischen Partei Frankreichs nahestehende Tageszeitung „L’Humanité“ drückt am 8. Januar 2015 auf schwarzer Titelseite ihre Trauer um ihre Kollegen der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ aus, indem es dort sinngemäß heißt, dass es die Freiheit sei, die mit diesem Attentat ermordet werden soll -  „C’est la liberté, qu’on assassine“.

Wer in Frankreich „Freiheit“ („Liberté) sagt, meint in diesem Kontext stets mehr als „Meinungsfreiheit“ oder „Toleranz“. Gemeint sind dann die ursprünglichen Ideale der Französischen Revolution insgesamt: „Liberté, égalité, fraternité“ („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“). Außerdem sind nicht zuletzt wegen der weiteren Entwicklung der Französischen Revolution die Schwierigkeiten der Freiheit mitzudenken. Mit dem Wissen von heute meint „Freiheit“ dann auch, dass es eben nicht um irgendeinen von einer dominierenden Gruppe oder selbst von der Mehrheit religiös oder national definierten Einheitsbrei gehen kann, sondern um die Anstrengung, ein Leben in Vielfalt als die normale Bewegungsform der menschlichen Gesellschaft zu begreifen und politisch zu gestalten. Islamisten, Pegida und andere Antidemokraten sehen das anders. Mit „Liberté, égalité, fraternité“, diesen ständig neu einzulösenden Idealen der Französischen Revolution, haben sie nichts im Sinn.

Bezeichnend ist, dass sich der AfD-Fraktionsvorsitzende Gauland in seiner Rede zur Konstituierung des neuen Landtages als Alterspräsident auf einen der größten Hasser dieser Ideale, Edmund Burke (1729 – 1797), bezog. Wie Burke nicht zu den dummen Konservativen gehört, so war die Gauland-Rede zwar kein intellektuelles Glanzstück, wie sogar einige linke Abgeordnete meinten, jedoch auch kein plattes rechtsradikales Gebrüll.

Soll allen Antidemokraten dieses trotzige „Je suis Charlie!“ entgegenschallen! Als Ersatz für eine gründliche Auseinandersetzung mit den Ursachen für Terror, Gewalt, „nichtäquivalenter Kriegführung“ und religiösem Fanatismus reicht das jedoch nicht. Auch der komplizierte Zusammenhang, warum islamistischer Terror und Pegida (einschließlich der Unterstützer in AfD und NPD) zwei Seiten einer Medaille sein könnten, wird auf Kundgebungen, und seien sie noch so groß, nicht herauszuarbeiten sein.

Mehrere der ermordeten Journalisten des Satiremagazins hatten auch für die „L’Humanité“ gearbeitet. Heute, am Sonntag nach den Morden, erschien eine Sondernummer dieser Zeitung mit dem Titel: „Contre la haine. LIBERTÉ, ÉGALITÉ, FRATERNITÉ“ („Gegen den Hass. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“). Und ebenfalls heute gab es die Verabredung während des Neujahrsbrunchs der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin, weiterhin die politische Bildung darauf zu konzentrieren, an die Wurzeln aktueller Erscheinungen vorzudringen und damit Schlussfolgerungen für linkes demokratisches Handeln zu ermöglichen. Mögen politische Reflexe auf schreckliche Ereignisse auch verständlich sein, für mich ist wichtig, dass wir mit den Veranstaltungen des Senftenberger Lausitzbüros und der brandenburgischen Rosa-Luxemburg-Stiftung insgesamt auch weiterhin dem Anliegen einer argumentativen Demokratie verpflichtet bleiben. Darum ging es bei der Gründung der Interessengemeinschaft Dritter Weg Senftenberg wie auch der DDR-Volksbewegung 1989/1990.

Der Auftakt der Europäischen Linken für 2015 in der Berliner Volksbühne machte in beeindruckender Weise deutlich, dass Terrorismus und Krieg sich gegenseitig bedingen. Wer Terrorismus also bekämpfen will, muss auch die Kriege des „Westens“ gegen die „Barbaren“ ablehnen. Und es wird herausragende Aufgabe der Linken bleiben müssen, ständig Kritik an jenen zu üben, die den Terrorismus mit Mitteln bekämpfen wollen, die Teil der Ursachen der Entstehung des Terrorismus sind: Auslandseinsätze, Waffenexporte, Abschottung des „Abendlandes“, Arroganz gegenüber anderen Kulturen, Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche …

Nicht „die westliche Welt“ muss jetzt ihre Werte verteidigen, wie einige Journalisten und europäische Spitzenpolitiker sofort riefen, sondern Menschen aller Kulturen müssen dafür einstehen, dass überall auf der Welt ein Leben in Würde möglich wird. Die Hindernisse für ein solches Leben sind nicht in nationaler Abschottung oder durch „abendländischen“ Überlegenheitstaumel zu beseitigen. Ja, ein erster Schritt kann das Vereintsein in Trauer nach so schrecklichen Taten wie in der vergangenen Woche in Frankreich sein. Zum Eintreten für Menschenwürde gehörte dann jedoch auch, dass es keine Hierarchie der Trauer geben darf. Oder sind die Opfer der Boko-Haram-Terrormilizen im Norden Nigerias oder die durch Drohnenangriffe getöteten Hochzeitsgesellschaften in Afghanistan von geringerem Interesse, weil nicht zur "westlichen Wertegemeinschaft“ gehörend? „Charlie Hebdo“ übrigens hätte diese Frage nicht so harmlos gestellt.

Dass Denkweisen mit tief sitzendem Rassismus bei vielen Menschen, von ihnen  selbst oft unbemerkt, ihren Platz haben, zeigt sich in Reden wie „obwohl er Muslim ist, kamen alle mit ihm aus“. Die französische Philosophin Simone Weil (1909 – 1943) hat diese Haltung bereits während ihres Deutschlandaufenthaltes 1932 am Beispiel eines verinnerlichten Antisemitismus selbst bei Linken beobachtet.

Selbstverständlich sind die Akteure der Rosa-Luxemburg-Stiftung tief betroffen von den Ereignissen, den Morden, in Frankreich. Wir sind traurig und wütend. Jedoch, das allein reicht nicht. Außer Empathie, dem Wärmestrom, wie Bloch es nannte, muss auch ein kühler Kopf, die Analyse, dazu kommen. Darum geht es in der politischen Bildung. Nicht zuerst um spektakuläre oder publikumswirksame Veranstaltungen kann es gehen, sondern vielmehr um Beharrlichkeit und einen langen Atem, um politische Bildung langfristig gegen Politikmüdigkeit, die sich immer mehr als Demokratiemüdigkeit erweist, in Anschlag zu bringen. Denn, um mit Herbert Marcuse auf die Ausgangsüberlegung zurückzukommen, Tatsache ist, „dass Freiheit unvereinbar ist mit Unwissenheit.“

Links:

zur Zeitung L´Humanité

zur Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung "Trügerische Ruhe im Paradies?. Zur Entwicklung von Ressentiments und rechtsextremen Stimmungslagen im Alltagsbewusstsein der Deutschen"

 

 

Das Recht auf Anderssein - Philosophische und praktisch-politische Überlegungen zur Sorben/Wenden-Politik in Brandenburg

Vortrag auf der Tagung "Das Recht auf Perspektive - Regionalentwicklung bei indigen Völkern, europäischen Minderheiten und den Sorben/Wenden" am 6.12.2014 in Cottbus

von Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann

Einleitung

„Was rechtens sei? – darum kommt man nicht herum. Diese Frage läßt immer aufhorchen, sie drängt und richtet. Ein als naturrechtlich bezeichnetes Denken hat sich ihr gewidmet, grundsätzlich, nicht von Fall zu Fall“ (Bloch 1985, S.11). So beginnt Ernst Bloch sein im Jahre 1961 veröffentlichtes Werk „Naturrecht und menschliche Würde“. 

Es ist eine banale Feststellung, dass ein Mensch sich von anderen Menschen durch Anderssein unterscheidet und es sich hierbei um ein Recht im philosophischen Sinne Ernst Blochs als Naturrecht handelt. Das Recht auf Anderssein ist damit eine Selbstverständlichkeit und dem positiven Recht, dem schriftlich fixierten und alltäglich anzuwendenden, übergeordnet. Übergeordnet nicht in einer formalrechtlichen Bedeutung, dass es als fixierter Gesetzestext hierarchisch über allen anderen daraus lediglich zu deduzierenden Fragen „Was rechtens sei?“ steht. Es ist ein unveräußerliches, eigentliches, Recht und steht damit der Tendenz entgegen, möglichst alles lückenlos in Gesetzen, Verordnungen und Durchführungsbestimmungen schriftlich zu regeln. „Wo alles veräußerlicht wurde, stechen unveräußerliche Rechte sonderlich heraus“ (ibid.). Die Konsequenzen für aktuelles politisches Handeln auch nur zu denken, die sich aus diesem Bloch-Satz ergeben, bereitet durchaus Schwierigkeiten. 

Denn erstens ergibt sich die Frage, ob dieses wesentlich auf Individualrechte zielende Denken ebenso für Kollektive gelten soll. Im Falle der Sorben/Wenden wäre damit die Frage verbunden, wie diese Gruppe dann zu definieren sei. Müssen sie, um als Kollektiv anerkannt zu werden, autochthon bleiben und in einem per Gesetz festgelegten Gebiet wohnen? „Was rechtens sei? – darum kommt man nicht herum. Diese Frage läßt immer aufhorchen, sie drängt und richtet. Ein als naturrechtlich bezeichnetes Denken hat sich ihr gewidmet, grundsätzlich, nicht von Fall zu Fall“ (Bloch 1985, S.11). So beginnt Ernst Bloch sein im Jahre 1961 veröffentlichtes Werk „Naturrecht und menschliche Würde“. 

Es ist eine banale Feststellung, dass ein Mensch sich von anderen Menschen durch Anderssein unterscheidet und es sich hierbei um ein Recht im philosophischen Sinne Ernst Blochs als Naturrecht handelt. Das Recht auf Anderssein ist damit eine Selbstverständlichkeit und dem positiven Recht, dem schriftlich fixierten und alltäglich anzuwendenden, übergeordnet. Übergeordnet nicht in einer formalrechtlichen Bedeutung, dass es als fixierter Gesetzestext hierarchisch über allen anderen daraus lediglich zu deduzierenden Fragen „Was rechtens sei?“ steht. Es ist ein unveräußerliches, eigentliches, Recht und steht damit der Tendenz entgegen, möglichst alles lückenlos in Gesetzen, Verordnungen und Durchführungsbestimmungen schriftlich zu regeln. „Wo alles veräußerlicht wurde, stechen unveräußerliche Rechte sonderlich heraus“ (ibid.). Die Konsequenzen für aktuelles politisches Handeln auch nur zu denken, die sich aus diesem Bloch-Satz ergeben, bereitet durchaus Schwierigkeiten.

Denn erstens ergibt sich die Frage, ob dieses wesentlich auf Individualrechte zielende Denken ebenso für Kollektive gelten soll. Im Falle der Sorben/Wenden wäre damit die Frage verbunden, wie diese Gruppe dann zu definieren sei. Müssen sie, um als Kollektiv anerkannt zu werden, autochthon bleiben und in einem per Gesetz festgelegten Gebiet wohnen?

Und zweitens geht es selbstverständlich auch in der Demokratie um Macht. Doch, so schreibt der französische Philosoph Jacques Rancière in seiner ersten von zehn Thesen zur Politik: „Man spart die Politik von vornherein aus, wenn man sie mit der Ausübung der Macht und dem Kampf um deren Besitz gleichsetzt“ (Rancière, 2008, S. 7). Demokratie ist so verstanden „also keineswegs eine politische Herrschaftsform“ (Ibid, S. 19), unter der sich das Volk mit beschlossener Einheitlichkeit versammelt. Demokratie sei die Einsetzung der Politik selbst – „die Einsetzung ihres Subjekts und ihrer Form der Beziehung“ (ebenda). Und diese Beziehung sei durch Dissens und nicht durch Konsens gekennzeichnet. 

Ins Politische moderat übersetzt könnte das heißen, die Vielfalt – der damit verbundene Streit, der Dissens usw. - ist die normale Bewegungsform der Gesellschaft, für die die Demokratie als Politik den Rahmen bilden sollte. Das ist ein wichtiger Gedanke für die Anwendung der gegenwärtig gültigen rechtlichen Regelungen und politischen Vereinbarungen in der Minderheitenpolitik. Auf den ersten Blick mag das provokant erscheinen. Wer jedoch Minderheitenpolitik bzw. Förderung der autochthonen Minderheiten so versteht, dass dabei die Minderheiten im Kollektiv wie als Individuen Subjekte dieser Politik sein sollen, versteht auch, dass es sich um keine leicht zu lösende Aufgabe handelt. Denn Demokratie, auf die Gewinnung von Mehrheiten im Interesse stabilen politischen Handelns angewiesen, muss hier auf Machtausübung in gewisser Weise verzichten. Demokratische Minderheitenpolitik bedeutet demnach, auf die Macht der größeren Zahl an dieser Stelle bewusst zu verzichten. Und es bedeutet, auf ein der Politik entgegengesetztes Prinzip zu verzichten. Rancière nennt dieses entgegengesetzte Prinzip „Polizei“. Dieses zähle nur die durch Unterschiede definierten Gruppen von Menschen „unter Ausschluss jedes Supplements“ (ebenda, S. 29). Was durch Konsens dann herauskommen kann, ist „die Annullierung des Dissens“ und damit „die Annullierung der überschüssigen Subjekte“ (ebenda, S. 45). 

Auf das Heute in der Sorben/Wenden-Politik der Bundesrepublik Deutschland gemünzt bedeutet dieser theoretische und, wie sich hoffentlich zeigen lässt, ebenfalls sehr praktisch-politische Ansatz ein Plädoyer gegen die Verrechtlichung und Vergeldlichung des Politischen, in besonderer Weise gegen die Verrechtlichung und Vergeldlichung in der Kulturpolitik des Landes Brandenburg (Hoffmann 2007, S.48ff). Sorben/Wenden-Politik ist aus dieser Perspektive mehr als Kulturförderung im Sinne von Projektförderung, wo, grob gesagt, nur zählt, was sich zählen lässt. Hier geht es um Kulturpolitik in einem umfassenden Sinne, vor allem darum, dass Kulturpolitik keine Ordnungspolitik („Polizei“) ist. Es geht um die durchaus gegensätzlichen Fragen, was gezählt werden soll und was oder wer zählt. Im Verhältnis von Naturrecht im beschriebener philosophischer Bedeutung und positivem Recht wird Dissens hervortreten (zum Thema Naturrecht bei Bloch siehe Dietschy et al. 2012, S.360ff). Doch auch hier zählt die Idee vom Supplement, denn allgemeines Naturrecht findet sich mit starker appellativer Kraft im Grundgesetz, Artikel 1 (1) positiv aufgehoben wieder: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ (Bundestag 2012).

 

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Verpflichtung zur Pflege sowjetischer Gedenkstätten

Gedanken und Anregungen von Gerd-Rüdiger Hoffmann

Aufgrund einer Anfrage von Torsten Jurasik, dem Vorsitzender des Ortsverbandes Senftenberg der Partei DIE LINKE, vom 30. April 2012 hat Gerd-Rüdiger Hoffmann, MdL, seine Überlegungen zur Verpflichtung zur Pflege und Instandhaltung von sowjetischen Gedenkstätten in einem Positionspapier formuliert.

 

 

Einigungsvertrag und Kulturpolitik im Land Brandenburg. Ein Kommentar

Studie von Gerd-Rüdiger Hoffmann

In der Einführung der Studie heißt es:

„Kultur“ gehört zu den unscharfen Begriffen in der Wissenschaft und ist natürlich politisch belastet. Kulturpolitik – so scheint es – kümmert sich wenig um kulturwissenschaftliche Debatten oder gar um kulturphilosophische Fragestellungen. Der Umstand, dass wir es in allen Debatten – ob nun in der Politik oder in der Wissenschaft - mit unscharfen Begriffen zu tun haben, ist nicht zu beklagen. Denn bereits Aristoteles wusste, dass der Begriff von einem Gegenstand nicht schärfer sein kann als der Gegenstand selbst. Manchmal ist es gut, dass Kultur nicht so eindeutig zu definieren ist, jedenfalls nicht als Zustand. 

Wenn es dann allerdings um rechtsverbindliche Verträge gehen soll, die Kultur zum Gegenstandhaben, dann wird es mit einem unscharfen Begriff kompliziert. 

In diesem Kommentar zu einem konkreten Gegenstand, nämlich dem „Artikel 35: Kultur“ im Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik über die Herstellung der Einheit Deutschlands aus dem Jahre 1990, ist nicht der Platz, um alle Dimensionen des Kulturbegriffs zu erklären. Aber ein Punkt ist wichtig und kann als Prämisse für alle Überlegungen gelten: Es geht, wenn heute von Kultur die Rede ist, um das tätige, das gestaltende Element im Verhältnis der Menschen zueinander, zur Natur und zur bereits geschaffenen Kultur. Es steckt im Begriff drin, dass Menschen nicht dazu da sind, sich Sachzwängen oder technologischen Prozessen bloß unterzuordnen, sondern im Gegenteil, Produktion und Verkehr nach menschlichem Maß zu formen. Mit diesem Ansatz ergibt sich ganz klar, dass Kulturpolitik Kernaufgabe für politische Gestaltung in demokratisch verfasster Gesellschaft sein muss und Kultur und Arbeit zusammen gehören. Hier waren Erfahrungen und Traditionen des Kulturverständnisses aus DDR-Zeiten zum Zeitpunkt der Verabschiedung des Einigungsvertrages durchaus noch wirkmächtig. Auch die Erwartungshaltung, dass Kultur von staatlicher Seite zu fördern sei, war selbst bei kritischen Künstlerinnen und Kulturarbeitern tief verwurzelt. Dieses Verständnis wirkt bis heute nach. Aber: Arbeit und Kultur wie das Verhältnis von Freiheit von Kunst und staatliche Förderung von Kunst und Kultur gestalten sich nicht einfach nur spannungsreich in einem akademisch-dialektischen Sinne. Ich will nur daran erinnern, dass 1996 ein Kulturparteitag der PDS Brandenburg von 1500 Bergleuten besetzt wurde, weil die Gewerkschafter der Meinung waren, dass erstens der Kampf zur Rettung des kleinen Dorfes Horno vor den Kohlebaggern ihre Arbeitsplätze gefährdet und zweitens die Partei sich mit wichtigeren Dingen als mit der Kultur im Lande beschäftigen sollte. DIE LINKE selbst ist gelegentlich anfällig für ein solches Denken, dass Kultur als das betrachtet, was danach kommt – nach den vermeintlich wesentlichen Dingen des Lebens. Doch wer Programme zu Wahlen oder Leitbilder der LINKEN genau liest, wird merken, dass es sich bei diesen Dokumenten insgesamt um kulturpolitische Programme handelt. 

Denn es geht irgendwie immer darum, was das Leben in diesem Land zukünftig ausmachen soll. Das ist für mich Kultur. Unser Bestreben muss dahin gehen, ein Bewusstsein zu entwickeln, dass Veränderungen wie sinkende Einwohnerzahlen nicht zwingend weniger Kultur(ausgaben) erfordern, sondern die Bedeutung der Kultur mit ihren bildenden und sozialen Funktionen wachsen wird, ohne Kultur lediglich instrumentell als Sahnehäubchen für politische Zwecke benutzen zu wollen. Es geht nicht um die Frage, ob wir uns unter diesen Bedingungen noch Kultur, also Kunst und Kulturförderung, leisten können, sondern welche komplizierter werdenden Aufgaben Kulturpolitik zu leisten hat. Der Ständigen Kulturpolitischen Konferenz beim Parteivorstand ist es vor allem zu danken, dass in der Partei ein Verständnis von Kultur entwickelt wurde, das einen weiten Kulturbegriff zur Grundlage hat und dennoch nicht ins Abstrakte abgleitet.

Auf dem Cottbuser Parteitag der LINKEN am 6. Juli 2008 wurde dieser Ansatz in einer Erklärung eindrucksvoll bestätigt. In der jetzt gestarteten Diskussion um ein Parteiprogramm ist im ersten Entwurf davon nichts mehr zu erkennen. Lediglich in der Präambel ist das Spannungsverhältnis der Herkunft aus zwei unterschiedlichen Kulturen – Ost und West – Thema. Sich unter diesen Aspekten mit dem Einigungsvertrag von 1990 zu beschäftigen, scheint mir eine lohnende Aufgabe zu sein.