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Tag der Befreiung

                  

Der 8. Mai 1945 - Tag der Befreiung

Rede von Gerd-Rüdiger Hoffmann Rede am Sowjetischen Ehrenmal in Senftenberg aus Anlass des 60. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus

Am 8. Mai 1945 war auch in Senftenberg und Umgebung klar: Der Krieg ist vorbei. Dass dieser Tag ein Tag der Befreiung war, das war damals vielen noch nicht klar.

Der 8. Mai 1945, Tag der Befreiung oder Tag der deutschen Niederlage, diese Frage spaltet die deutsche Debatte - aktuell wie  historisch, 2005 wie in den Jahren zuvor. Für die PDS ist der 8. Mai das historische Datum der Befreiung von dem menschenverachtendsten, barbarischsten System in der Weltgeschichte: dem deutschen Faschismus. Befreit wurden Menschen aus Zuchthäusern, Gefängnissen und Vernichtungslagern, befreit wurden Menschen von den Schrecken und Vernichtungen des Krieges, befreit wurden Bürgerinnen und Bürger von politischer Verfolgung und Demütigung, befreit wurde die Welt, wurden Europa und Deutschland. Der 8. Mai 1945 war ein Neubeginn für Demokratie, Humanismus, Kultur und freien Geist. Zwischen Befreiung und Niederlage gibt es kein sowohl als auch. Deutschland musste von der Anti-Hitler-Koalition militärisch besiegt werden. Der Widerstand war nicht stark genug, dies aus eigener Kraft zu vollbringen.

In Deutschland wurde der 8. Mai 1945 individuell sehr unterschiedlich erlebt: Hoffnungen und Ängste, Leid und Ende von Leiden, Flucht und Neubeginn, Vernichtung und Zerstörung, all dies traf nunmehr die Menschen in Deutschland. Der Krieg, der von Berlin ausging, das erlebte unendliche Grauen, war an seinen Ausgangspunkt zurückgekehrt. Darunter hatte vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden.

Wer über 1945 spricht, darf über 1933 nicht schweigen. Es ist ein bleibendes Verdienst des konservativen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, diese Wahrheit und Weisheit 1985, im vierzigsten Jahr der Befreiung ausgesprochen zu haben. Zuvor war es vorwiegend die politische Linke, die dem deutschen Geschichtsrevisionismus entgegentrat. Beispiellos waren die Verbrechen des deutschen Faschismus - der industrielle Massenmord an den Jüdinnen und Juden Europas, an den Sinti und Roma, die Morde in den besetzen Gebieten, die Vernichtung des politischen Gegners, von Menschen, deren Leben von den Faschisten als unwert behandelt wurde oder die sich den unmenschlichen Normen nicht unterordnen wollten.

Wir gedenken aller Opfer und allen, die Widerstand leisteten; allen, die aus und vor der Wehrmacht desertierten oder sich dem Nazi-Staat verweigerten. Demokratische Sozialistinnen und Sozialisten widersetzen sich einer Ein- und Abstufung der Opfer und des Widerstandes ebenso wie einer Einteilung der Anti-Hitler-Koalition in Befreier und Besatzer. Kein Opfer darf vergebens und kein Widerstand vergessen sein.

Der Zustand unseres Landes macht es besonders notwendig, über Fehler, Versäumnisse und Irrtümer der damals Handelnden nachzudenken - mit Nachsicht, wie es Bertolt Brecht uns riet. Dieses Nachdenken ist nötig um der Opfer willen und um unserer selbst willen. Geschichte wiederholt sich nicht, aber geschichtliche Fehler, selbst solche einer dramatischen Dimension, können sich wiederholen, wenn das Lernen aus der Geschichte verweigert wird.

Demokratische Sozialistinnen und Sozialisten befragen die Geschichte, studieren Ergebnisse, Denkweisen und Kämpfe. Wir denken nach über Fehler - die der eigenen politischen Richtung und die der anderen.

Es ist unerträglich, dass Rechtsextreme am 8. Mai 2005 marschieren wollen. Wir sind bedrückt darüber, dass Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus, Geringschätzung von Demokratie und Parlamenten bei vielen Menschen noch, noch immer oder schon wieder Widerhall finden können. "Nazis raus aus den Köpfen" ist und bleibt eine der Hauptaufgaben für Demokraten.

Trennschärfe, Aufklärung und Entschlossenheit können helfen, die Auseinandersetzung mit Rechts zu führen. Deutsche Leitkultur, nationale Rhetorik, soziale Demagogie, Ausländer und andere Kulturen als Feindbilder liefern hingegen die Stichworte, derer sich die Rechtsextremen in ihrem Kampf gegen Demokratie bedienen. Deutschland braucht keine starken Führer, wie es NPD und DVU behaupten; Deutschland braucht eine starke Demokratie, lebendige Parlamente, mehr soziale Gerechtigkeit, Friedensfähigkeit und Abrüstung. Deutschland braucht Weltoffenheit.

Verschweigen und Verfälschen sind Geschwister im Geiste. Zu oft, zu lange und schon wieder wurde über die Verantwortung der deutschen Industrie und Banken an Faschismus und Krieg geschwiegen, waren die Verbrechen der Wehrmacht, der Justiz und Medizin, der Verwaltungen und Wissenschaft Tabu-Themen. Es dauerte über 50 Jahre, ehe über die Leiden der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter öffentlich diskutiert und mit ihrer Entschädigung begonnen wurde. Für viele von ihnen zu spät, andere sind noch immer ausgeschlossen.

Der Erhalt von antifaschistischen Mahn- und Gedenkstätten, von Erinnerungstafeln an Straßen und Plätzen, eine respektvolle Erinnerungskultur sind wichtig für die Menschen unseres Landes, für Gegenwart und Zukunft.

Die Botschaft der Überlebenden "Nie wieder Krieg - Nie wieder Faschismus!", einfach, klar und schnörkellos, ist nicht eingelöst. Krieg ist nach Europa zurückgekehrt, Faschismus und Rechtsextremismus bedrohen die Demokratie. "Nie wieder Krieg - Nie wieder Faschismus" soll und muss am Beginn des 21. Jahrhunderts Europa mit seiner geistigen Wurzel, der Befreiung vom Hitlerfaschismus, mit dem 8. Mai 1945, neu verknüpfen.