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Philosophie und Interkulturalität in Afrika

Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann war beim V. Internationalen Kongress für Interkulturelle Philosophie „Interkulturalität, Gender und Ausbildung“, den das Missionswissenschaftliche Institut Missio e.V. (MWI) Aachen und die Universität Pablo de Olavide Sevilla vom 3. bis 7. März 2003 in Carmona (Spanien) durchführten, eingeladen, seine Thesen zur Philosophie und Interkulturalität in Afrika im Rahmen des Workshop I vorzustellen.


Philosophie und Interkulturalität in Afrika

Thesen zum Workshop I auf dem V. Internationalen Kongress für Interkulturelle Philosophie „Interkulturalität, Gender und Ausbildung“ des Missionswissenschaftliches Instituts Missio e.V. (MWI) Aachen u. der Universität Pablo de Olavide Sevilla, Carmona 200

von Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann (Philosoph, Afrikawissenschaftler)

Zu Beginn möchte ich kurz etwas zu den Begriffen Philosophie und Interkulturalität ausführen, um dann drei Thesen aufzustellen, die von der Themenstellung, vor allem dem vorgegebenen Kontext Afrika, ausgehen, aber im Sinne meines Verständnisses von Philosophie darüber hinaus weisen. Für mich begründet sich dieses Herangehen von daher, dass ich davon überzeugt bin, dass die Beschäftigung mit Philosophie und Interkulturalität ausgehend vom afrikanischen Kontext eben nicht nur neue Erkenntnisse und Schlussfolgerungen für Afrika hervorbringen kann, sondern Bedeutung auch für Europa und alle sich hochentwickelt und industrialisiert oder gar zivilisiert nennenden Regionen der Erde hat. Ob es gegenwärtig allerdings ein institutionalisiertes Interesse in diesen Regionen an dieser Fragestellung gibt, das ist zu bezweifeln.

Wenn sich dann doch ein Interesse im akademischen Bereich herausbildet, dann könnten das neuhegelianische Programm vom Ende der Geschichte bzw. die tina-Politik (there is no alternative) dazu beigetragen haben. Denn das ist manchmal der Vorteil der Ideologieproduktion in der Demokratie, dass nämlich immer auch Gegenentwürfe möglich sind. Letztlich ist es unerheblich, ob das Bewusstsein von der Krise oder die Müdigkeit nach den endlos langen Siegen den Blick auf tatsächliche oder vermeintliche Alternativen zur mcdonaldisierten abendländischen Überlegenheit lenkt.

Dass die Alternativen sich in einer Spannweite zwischen Romantisierung (Léopold Sédar Senghor: Car tu es noire, et tu es belle) und friedlicher wie bewaffneter Revolution (Kwame Nkrumah: The tactics of guerrilla warfare must be subordinate to the strategy of the revolutionary war) bewegen, das muss einkalkuliert werden, macht die Sache aber nicht leichter. Denn ob die Gegenentwürfe selbst lediglich im Ideologischen befangen bleiben, das hat m.E. nicht unwesentlich damit zu tun, ob philosophisch-reflektierend und politisch der Gegenstand behandelt wird oder eben nur auf der Grundlage aktueller partikulär-politischer Interessen nach dem Nutzen innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes, der sich im Einklang mit Medienkonzernen und Großindustrie immer mehr in Legislaturperioden misst, gefragt wird.

„Philosophie“

Eine wortgeschichtliche Ableitung von Philosophie führt über  zu der ursprünglichen Bedeutung   (Freund der Weisheit), also zum Griechischen. Was banal scheint, ist im Kontext Interkulturalität Afrikas bereits ein Problem. Denn methodisch könnte sich die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie Philosophie und Interkulturalität in Afrika sich zueinander verhalten von zwei unterschiedlichen Prämissen ausgehen:

Die erste mögliche Prämisse: Der aus dem Griechischen hergeleitete Philosophiebegriff wird als allgemeingültig unterstellt, um dann zu überprüfen, ob in Afrika sich Denkformen entwickelten, die darunter zu fassen sind.

Alternativ dazu die zweite mögliche Prämisse: Der aus dem Griechischen hergeleitete Philosophiebegriff wird als Spezialfall anerkannt, gleichzeitig aber als vorläufiger Arbeitsbegriff jeder heute praktizierten akademischen Philosophie akzeptiert, um dann zu überprüfen, ob nach dem Zurkenntnisnehmen afrikanischer Philosophien ein weiter zu fassender allgemeinerer Philosophiebegriff notwendig wird, der das Denken des Freundes der Weisheit ()  wie auch das Denken des mwenye hekima (Swahili: wörtlich Besitzer von Weisheit) erfasst, oder ob Philosophie dann nur noch im Plural in dem Sinne gedacht werden darf, dass keine invarianten Merkmale im Vergleich von afrikanischen und europäischen Philosophien sich feststellen lassen.

Nach einer langjährigen Beschäftigung mit afrikanischer Philosophie hat sich bei mir der in klassisch-westlich-marxistischer Philosophieausbildung erworbene Begriff von Philosophie und der Begriff davon, was Philosophieren bedeuten sollte, deutlich gewandelt. Dennoch verstehe ich unter Philosophie nach wie vor alle Versuche, die auf rationale Erkenntnis gerichtet sind - also Nachdenken, das Denken über das Denken, zum Gegenstand haben -, universelle Erkenntnis anstreben und die Stellung der Menschen zueinander und zur Natur - also ihre Tätigkeit und ihr Verhalten in der Welt - begreifen und begründen wollen. Dabei schließe ich selbstkritische Reflexion ein, die Merkmal eines jeden Philosophierens ist.

Dieses Vorgehen steht nun allerdings konträr zu Positionen, die meinen, es wäre dem Gegenstand afrikanische Philosophie unangemessen mit einem (europäischen) Vorbegriff von Philosophie sich afrikanischer Philosophie zu nähern.

Unter Philosophie verstehe ich ebenfalls eine Disziplin, in der sich Philosophinnen und Philosophen in der Regel professionell mit den bisherigen Resultaten eines so definierten Denkens in Lehre und Forschung beschäftigen und an der systematischen Fortführung als philosophisch bezeichneter Fragestellungen arbeiten.

Die zweite Variante bezüglich des genannten Verhältnisses zwischen Philosophie und Interkulturalität im Kontext Afrikas schien deshalb für mich die einzig praktikable im Rahmen eines Projektes von interkultureller Philosophie zu sein. Allerdings dürfte auch sie inzwischen stärker an einige Bedingungen geknüpft sein.

A) Zuerst müsste eine radikale These zumindest als Möglichkeit akzeptiert werden, nämlich, dass auch in Afrika entstandenes philosophisches Denken legitimiert ist, ausgehend von hier entstandener Begrifflichkeit Philosophien aus europäischer Tradition kommend genauso grundsätzlich infrage zu stellen, wie das von Europa aus gegenüber afrikanischen Philosophien selbstverständlich ist. Anders gesagt, wenn ich behaupte, dass ein allgemeiner und interkultureller Begriff von Philosophie wesentlich nur mit einem Vorbegriff von Philosophie möglich ist, dann muss das auch ausgehend von einem in afrikanischer oder asiatischer oder südamerikanischer Tradition gewonnenen Vorbegriff von Philosophie möglich sein.

Auch hierbei wären, grob gesagt, ebenfalls zwei Varianten möglich:

Erstens, ausgehend von den aus afrikanischen Traditionen gewonnenen Begriffen von Philosophie und Weisheit, die de facto jeweils als allgemeingültig unterstellt werden, wäre dann zu überprüfen, ob außerhalb Afrikas sich Denkformen entwickelten, die als weise oder philosophisch zu bezeichnen sind und deshalb in afrikanischer Begrifflichkeit aufgehen könnten.

Zweitens könnte es um die Frage gehen, ob nicht auch von afrikanischem Philosophie- bzw. Weisheitsverständnis ausgehend und in Auseinandersetzung mit europäischer Philosophie es möglich wäre, einen neuen Philosophiebegriff zu entwickeln, der allgemein genug sein müsste, um afrikanische wie europäische Traditionen und alle anderen Philosophien zu umfassen. Es ist also die Frage, ob auch ein afrikanischer Philosophiebegriff als Arbeitshypothese Ausgangspunkt für einen noch zu erarbeitenden allgemeinen zeitgemäßen Philosophiebegriff sein könnte, der Besonderheiten anderer Traditionen nicht dadurch eliminiert, indem er die eigene Besonderheit zur Allgemeinheit erhebt.

B) Weiterhin sollte als Bedingung beim Verwenden des in der Variante 2 genannten Vorbegriffs von Philosophie im Kontext Afrikas gelten, dass afrikanische Philosophie nicht meinen kann, es gäbe nur eine Philosophie, die für den gesamten Kontinent Geltung hätte. Auch diese Feststellung ist banal, weil niemand auf die Idee käme, dass das Benutzen des Ausdrucks europäische Philosophie meinen müsste, dass so etwas wie eine einheitliche oder gar einzige europäische Philosophie existierte. Mit Bezug auf Afrika ist das nicht selbstverständlich. Allerdings macht es m.E. unter dem Gesichtspunkt von Genesis und Ideologiekritik einen bedeutenden Unterschied, ob die Einheit bzw. eine einheitliche afrikanische Philosophie als Reaktion auf die Dominanz „abendländischer Philosophie“ begründet werden soll, wie etwa bei Cheikh Anta Diop, oder ob afrikanische Philosophie die von Afrikanerinnen und Afrikanern selbst zwar nicht zu erkennende, aber kollektiv von ihnen gelebte Philosophie bezeichnen soll, wie von Placide Tempels behauptet. Noch etwas anderes ist, wenn afrikanische Philosophie als Begriff für Nicht-Philosophie in Afrika herhalten muss, die Behauptung nämlich, dass das Typische der afrikanischen Philosophie darin bestehe, dass sie nach westlichem Verständnis keine Philosophie sei.

C) Schließlich, es sollte mit größerer Selbstverständlichkeit unterstellt werden, dass Philosophie in Afrika ein interkulturelles Projekt war und ist. Das gilt ohne Zweifel in doppelter Bedeutung: Erstens betrifft es das Verhältnis Afrika – Europa. Es geht um die Tatsache, dass Philosophie in Afrika vielleicht stärker als in anderen Regionen seit der Kolonialisierung durch die Europäer im Schatten der vermeintlich siegreichen Werte – Religion, Philosophie, Recht – stand und vielleicht deshalb sich u.a. dadurch behaupten musste, Beziehungen zwischen kulturellen Leistungen Europas, einschließlich der Philosophien, und originären Denkansätzen herzustellen, die den Bedürfnissen nach Emanzipation und Befreiung Afrikas entsprachen. Zweitens betrifft es die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Kulturen, Religionen und philosophischen Ansätzen innerhalb Afrikas.

Afrikanische Philosophinnen und Philosophen, so lässt sich vermuten, haben deshalb mehr Erfahrung als ihre europäischen Kolleginnen und Kollegen im Umgang mit ursprünglich fremden Philosophien. Allein die daraus resultierende notwendige Sicht im Spannungsverhältnis von Kritik und Aneignung sollte lehrreich auch für westliches Philosophieren sein.

Angemerkt sei an dieser Stelle, dass die anregenden und verdienstvollen Arbeiten Paulin J. Hountondjis, in denen er von der These ausgeht, afrikanische Philosophie sei eine Gesamtheit von Texten, die von Afrikanern verfasst und von den Autoren selbst als philosophisch qualifiziert werden, in mindestens zwei Punkten problematisch ist. Einmal könnte damit eine Aufgabe philosophiehistorischer Forschung zu gering bewertet werden, nämlich indigene philosophische Traditionen, einschließlich oraler Traditionen, zu rekonstruieren bzw. ihre Wandlungen unter interkulturellen Aspekten zu erforschen. Zum anderen könnte der Eindruck entstehen, dass afrikanische Philosophie an Hautfarbe gebunden sei.

Letzteres würde zum Beispiel bedeuten, dass die Arbeiten zur äthiopischen Philosophie von Claude Sumner nicht zur afrikanischen Philosophie zu rechnen wären. Es würde auch bedeuten, dass die Aristotelesdebatte in der afrikanischen Philosophie lediglich um den Nachweis bemüht sein dürfte, dass Aristoteles schwarze Hautfarbe hatte und deshalb, nicht wegen des Einflusses seiner Ideen auf Afrika, als afrikanischer Philosoph zu bezeichnen sei. Hountondji selbst hat in seinen Schriften die „Definition“ zur afrikanischen Philosophie nicht nur relativiert, sondern Kultur, Pluralismus und afrikanische Philosophie als Problembegriffe eingeführt.

Manche Debatte wäre heute leichter zu führen, wenn die Philosophie der alten Griechen als interkulturelle Angelegenheit eingeführt worden wäre. Das wäre angemessen und hätte immerhin den Vorteil, dass Debatten über „Aristoteles als Afrikaner“, die Bedeutung der wissenschaftlichen Leistungen der alten Ägypter für die griechische Philosophie oder die Leistungen Aspasias aus Milet bei der Entwicklung der politischen Philosophie Athens nicht konfrontativ geführt würden.

Damit bin ich bereits beim Begriff Interkulturalität, der im Kontext der afrikanischen Philosophie zu erklären ist.

„Interkulturalität“

Zu akzeptieren, dass – wie Kant es mit dem originellen Wort Überschritt ausdrückt – Unterschiedliches und scheinbar Gegensätzliches sich in einer neuen Ordnung wiederfinden können, eine von vernünftigen Menschen nach reifer Überlegung geplante und zur Ausführung gebrachte Ordnung, die wie die Dämmerung den alten Tag verlängert, aber die neue Nacht bereits zulässt und durch allmähliche Zwischengrade diesen Wechsel unschädlich gestaltet, das könnte Anliegen von Interkulturalität im Zusammenhang mit Philosophie und Philosophieren sein.

Der aus dem Griechischen kommende lateinische Ausdruck für Zwischenwelten - inter-mundia – könnte passen, um das Problematische, nicht Endgültige zu erklären. Auf jeden Fall steht inter für Relationen.

Offensichtlich ist, dass die Herausbildung einer globalen Menschheitskultur nicht nur Konferenzen und Seminare beschäftigt, sondern im richtigen Leben in sehr problematischer Form stattfindet. Philosophie hat sich dazu zu verhalten, was aber kritische Selbstreflexion voraussetzt.

Deshalb werden es vor allem drei Programmpunkte zur interkulturellen Philosophie sein, die uns interessieren sollten:

  1. Interkulturelle Philosophie wird das Komplizierte im Globalisierungsprozess für die innerphilosophische Debatte und für die gesellschaftliche Entwicklung selbst mit Analysen und Argumenten begleiten müssen, wenn sie Humanität und Befreiung befördern will. Befreiungsphilosophie in diesem Sinne kann sich eben nicht nur fernab von wirtschaftlicher und politischer Bedrängnis mit abgehobenen Debatten über Freiheit an sich leisten. Befreiungsphilosophie hat die Bedingungen für Freiheit mitzudenken und wohl auch den Anspruch, dass die Akteure dieser Philosophie auch Akteure im praktisch Politischen sind. Das aber verlangt methodisch und inhaltlich unter den Bedingungen der Globalisierung nach dem Inter, nach inter-mundia und nach – wie Bloch sagt – Multiversa der Kulturen.
  2. Zu schreiben ist eine neue Geschichte der Philosophie. Dabei kann es nicht nur darum gehen, unter der weiter wirkenden Dominanz abendländischer Philosophie auch andere Philosophien (hier die afrikanischen Philosophien) zuzulassen. Der eurozentristische Standpunkt wäre nicht überwunden, wenn die Auswahl weiterhin einzig von westlicher Philosophie als Institution getroffen werden dürfte. Zu akzeptieren ist in diesem Zusammenhang, dass es nicht nur eine einzige für alle Philosophien gültige Sprache gibt.
  3. Wenn Philosophie dialogisch sein will, was den bisher beschriebenen Sachverhalten nur angemessen wäre, dann kann es nicht nur um Verhältnisse jeweils unterschiedlicher Philosophien zur westlichen Philosophie gehen, sondern um viele Dialoge ohne nur einen Fixpunkt. So gesehen geht es tatsächlich um Polylog und die Entwicklung entsprechender Methoden und einer internationalen Konferenzkultur, die Dialog nicht mit wechselseitigen Monologen und daraus folgender Vereinbarungen zur Toleranz gleichsetzt.

Philosophie ist nie nicht-interkulturell

Die folgenden Thesen müssen (leider) von der Prämisse ausgehen, dass interkulturelles Philosophieren sich gegenwärtig noch immer gegen die Dominanz „westlicher“ Philosophie erst durchsetzen will. Dabei schließe ich nicht einmal aus, dass auch im interkulturellen Philosophieren selbst europäische Philosophien dominant sind. Deshalb, nicht etwa weil afrikanische Philosophien als marginal betrachtet werden, richten sich die Thesen und Aufgabenstellungen mit kritischer Komponente stärker an europäische Philosophien als an afrikanische. Damit ist formuliert, afrikanische Philosophinnen und Philosophen zukünftig eben nicht mehr lediglich als Objekte interkultureller Forschungen zu betrachten, sondern sie als gleichberechtigte Partnerinnen und Partner innerhalb von Projekten interkulturellen Philosophierens zu akzeptieren.

Andererseits wird auch für Afrika gelten müssen, dass Philosophie sowohl durch inhaltliche als auch durch methodische Kriterien bestimmt ist. Auch gilt, dass jeder Vorbegriff von Philosophie – egal ob in Afrika oder in Europa entstanden – bereits interkulturell angelegt ist.

Ich stelle also hiermit meine drei knapp gehaltenen Thesen vor, um die Diskussion im Arbeitskreis I „Philosophie und Interkulturalität in Afrika“ herauszufordern:

These 1: Es gibt keine rein nicht-interkulturelle Philosophie, weder in Afrika noch irgendwo auf der Welt. Invariantes Merkmal einer jeden Kultur ist es, aufnahmefähig für Neues, also ursprünglich Fremdes, zu sein. Philosophie als Teil und Moment jeweils konkreter Kultur ist in herausragender Weise damit befasst, diesen Prozess und die eigene Rolle dabei zu reflektieren. Jede Philosophie hat allein deshalb stets interkulturelle Elemente, hat sie diese nicht, dann ist sie kein Teil bzw. Moment von Kultur. Dann handelt es sich, streng genommen, nicht um Philosophie.

These 2: Wenn wir Afrika auf der Landkarte der Weltphilosophie haben wollen, und das wollen wir, dann ist eine neue Einstellung in der geschriebenen Philosophiegeschichte notwendig. Afrikanische Philosophie ist dann nicht nur auf diese Landkarte aufzunehmen, sondern auch sowohl arbeitsteilig als Spezialisierungsrichtung innerhalb der akademischen Philosophie wie als Bestandteil allgemeiner Philosophiegeschichte neu zu verorten.

These 3: Im systematischen Bereich der Philosophie ist methodisch eine neue Form des Dialogs einzuführen, wenn Interkulturalität als konstitutives Merkmal von Philosophie entwickelt werden soll. Das heißt zuerst, in allen philosophischen Disziplinen afrikanische Philosophie zur Kenntnis zu nehmen und nicht wie bisher, afrikanische Philosophie neben den einzelnen philosophischen Disziplinen als exotische Spezialdisziplin lediglich zu dulden.

Die m.E. aus diesen Thesen abzuleitenden Aufgaben möchte ich in drei Punkten zusammenfassen:

  • Es ist notwendig anzuerkennen, dass Interkulturalität ein normales Phänomen und die tatsächliche Bewegungsform von Philosophie in der globalisierten Welt von heute ist. Die Aufgabe wird sein, auch in institutionalisierter Form diesen Prozess so zu gestalten, dass die Vielzahl der Sprachen der Philosophie als produktive Herausforderung und nicht als durch Dominanz einer philosophischen Sprache zu überwindendes Hemmnis betrachtet wird. Zu überwinden sind verbreitete Einstellungen, die afrikanische Philosophie als Gefahr für „abendländische“ Rationalität sehen oder als Rettung vor der Diktatur der Vernunft romantisch verklären. Vorläufig könnte auch afrikanische Philosophie an afrikanischen Universitäten wie an europäischen als Spezialgebiet ein stärkeres Gewicht erhalten, weil zuerst einmal in Afrika wie in Europa und überall ein Nachholbedarf im Wissen bezüglich afrikanischer Philosophie besteht.
  • Notwendig ist eine neue Sicht auf die Geschichte der Philosophie, die ganz selbstverständlich die Geschichte philosophischen Denkens auf dem afrikanischen Kontinent in eine Weltgeschichte der Philosophie einbezieht. Gelöst wäre diese Aufgabe, wenn es möglich wäre, eine nach regionalem Ordnungsprinzip konzipierte Weltgeschichte der Philosophie mit dem ersten Band unter dem Titel Die Geschichte der afrikanischen Philosophie – Ursprünge und Entwicklung einer vergessenen Philosophie im Multiversum der Weltphilosophie zu beginnen, gefolgt von Asien, Europa, Amerika und Australien. Vielleicht wäre es sogar notwendig, auch nach chronologischem Ordnungsprinzip mit dem alten Ägypten, also Afrika, zu beginnen, nach Europa (dem alten Griechenland) bzw. Asien (u.a. Kleinasien) zu kommen und außerdem teilweise parallele Entwicklungen in China und Indien abzuhandeln.
  • Philosophie in ihrer systematischen Form von Lehre und Forschung muss neue Formen des Dialogs entwickeln. Afrikanische Philosophie kann nicht als monoliter Block gegenüber der ebenfalls als monoliten Block aufgefassten „abendländischen“ Philosophie ins Spiel der Interkulturalität geworfen werden. Sicher werden nach wie vor auch regionale Gesichtspunkte und Ordnungsprinzipien in der neu zu schreibenden Philosophiegeschichte eine Rolle spielen müssen. Dabei wird dann mehr zu Bewusstsein kommen, dass auch die abendländische Philosophie eine regionale Geschichte der Philosophie ist, die allerdings genau wie die afrikanische Philosophie immer dann besonders interessant war, wenn sie auf andere philosophische Traditionen traf, ob im Dialog, mit Herrschaftsanspruch oder ursprünglich Fremdes aufnehmend. Wichtiger aber wird werden, innerhalb der philosophischen Disziplinen Leistungen afrikanischer Philosophinnen und Philosophen als afrikanische Philosophie zur Kenntnis zu nehmen. Einfach gesagt, das hieße, Erkenntnistheorie oder Logik, Rechtsphilosophie oder politische Philosophie, Philosophiedidaktik oder Technikphilosophie, feministische Philosophie oder Ästhetik usw. wären als Disziplinen auch innerhalb der afrikanischen Philosophie zu verorten.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Interkulturelles Philosophieren bezeichnet das Unterfangen, sich zu vereinbarenden inhaltlichen wie methodischen Kriterien unterwerfend aus unterschiedlichen Perspektiven mit Horizontabschreitung und Horizontüberschreitung kritisch und selbstkritisch zu beschäftigen und besonders über die so denkbaren Überschneidungen zu kommunizieren und die dabei entstandenen Resultate systematisch zu publizieren, zu lehren und als Ausgangspunkt für neue Fragestellungen in philosophiehistorischer und systematischer Forschung zu setzen.

Professionelle Bemühungen dieser Art fasse ich unter dem Begriff interkulturelle Philosophie zusammen. Afrikanische Philosophie dürfte dabei einen herausragenden Platz einnehmen, weil gerade sie – neben den philosophischen Entwürfen von Frauen – zu den am meisten vernachlässigten und als Nicht-Philosophie denunzierten Philosophien gehört. Diese systematischen und philosophiehistorischen Aspekte sind dabei nicht Selbstzweck, sondern es geht um den Beitrag der Philosophie zur bewussten Gestaltung der Globalisierung durch Befreiung von scheinbaren Sachzwängen.

Was hier die Form einer Definition angenommen hat, kann dennoch lediglich Erklärung sein. Interkulturelle Philosophie wird Problembegriff sein müssen, was bedeutet, dass das Philosophische und Kulturelle auch in der Verbindung interkulturelle Philosophie nicht nur besonders Wertvolles oder Edles oder Vernünftiges hervorhebt. Nicht zum Offiziellen erniedrigt, nicht nur Definition vom Stachel der Kritik befreit (Theodor W. Adorno), sondern auch das nicht unbedingt Faktische, das nicht bis zuletzt Berechenbare und das nicht planmäßig Steuerbare werden erklärt werden müssen. Interkulturelle Philosophie wird sich nicht darauf beschränken dürfen, lediglich eine planmäßig aus unterschiedlichen Philosophien unterschiedlicher kultureller Kontexte erzeugbare neue Philosophie zu bezeichnen.


Literatur zum Thema (Auswahl)

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Hountondji, Paulin Jidenu. Sur la philosophie africaine – Critique de l’ethnophilosophie. Paris 1977 (dt.: Afrikanische Philosophie. Mythos und Realität. Hrsg. von Gerd-Rüdiger Hoffmann. Berlin 1993)

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