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Memoiren voller Kommunismus.

Gabriele Mucchi über „Ein Künstlerleben in zwei Welten“

Gabriele Mucchi: Un po' di ottimismo non farà male 
(Öl, 1995)

Besprechung des Buches Gabriele Mucchi: Verpaßte Gelegenheiten/Le occasioni perdute. Ein Künstlerleben in zwei Welten (Dietz Verlag, Berlin 1997, 413 Seiten)

von Gerd-Rüdiger Hoffmann, veröffentlicht am 12. Januar 1998 in der Tageszeitung "junge Welt"

Gabriele Mucchi, geboren am 25. Juni 1899 in Turin, gestorben am 10. Mai 2002 in Mailand, war ein italienischer Maler, Grafiker und Architekt. Er gilt als Mitbegründer des „Neuen Realismus“ (Nuovo Realismo).

"Der Kommunismus ist der Teil der menschlichen Aufgaben, der von den Christen nicht gelöst worden ist“, dieser Satz, dessen Quelle, wie Gabriele Mucchi gesteht, er vergeblich suchte, sollte seine biographischen Aufzeichnungen im Jahr 1989 beenden. „1899-1989“ im Titel hätte gut ausgesehen. Und der letzte Satz hätte, vielleicht gemeinsam mit dem Brief des Autors vom 6. Oktober 1989 an Kurt Hager, als Mahnung gelten können, mit dem Sozialismus und den Wünschen der Jugend und den Worten darüber behutsamer und ehrlicher umzugehen. Doch - so ist es besser - Mucchi führte seine Aufzeichnungen bis 1993 weiter, die im folgenden Jahr in Milano erschienen. Jetzt hat der Dietz Verlag Berlin eine sehr schöne deutsche Fassung (Gestaltung Trialon; Typographie Brigitte Bachmann) in der Übersetzung von Christine Wolter herausgebracht.

Ende der siebziger Jahre war es wohl, als Paul Wiens im DDR-Fernsehen eine Sendereihe moderierte, die das Reden über Kunst befördern sollte. Einmal war auch Gabriele Mucchi zu Gast. Daran erinnere ich mich genau. Und es war auch eine FDJ-Funktionärin in der kleinen Runde. Mucchi, der 1899 in Turin geborene Maler, Partisan gegen die Faschisten, Freund der DDR und Kommunist, sprach in einfachen Worten von einem ereignisreichen und kampferfüllten Leben. Allerdings kam er ohne diese Vokabeln „Kampf“, „Heldentum“, „Opferbereitschaft“ und was „katholische“ Weltlehren noch an Schwülstigem zu bieten haben, aus. Die FDJ-Funktionärin hatte zwar vor allem genau diese und ähnliche Vokabeln drauf, allein das Leben hielt wohl nicht ganz mit, oder „Leben“ einerseits und „Kampf gegen den Imperialismus“ andererseits gingen nicht zusammen. Mucchi sprach mit ruhiger Stimme, durchaus gewitzt, über sein Leben und reagierte mit sanfter Ironie, wenn die Belehrungen der Funktionärin zu heftig prinzipiell wurden. Wer lebt, so war seine Botschaft, muß sich nicht in einem für Heldenepen eventuell geeigneten Wortschwall verlieren.

Auch in seiner Autobiographie kommt Mucchi fast ohne Pathos aus. Und so haben wir es mit dem seltenen Umstand zu tun, daß hier ein alter, weiser und gütiger Mann ziemlich ohne die übliche Eitelkeit, die getrost als Motiv für Memoirenschreiber gelten kann, seine Lebenserinnerungen in eine literarische Form gebracht hat, die - mir jedenfalls - noch näher ist als seine Malerei. Gabriele Mucchi schreibt über die „Entdeckung von Gut und Böse“ und „nicht ganz reine Mösen“, über das „Fegefeuer des antifaschistischen Kampfes“, „Liebe, Moralregeln, Versuchungen“, „Maler in faschistischen Uniformen“ und über die „Öffnung der Mauer“ als „historische Eroberung der Freiheit“ und den „Zugriff des Siegers“. Das alles geht zusammen, wenn Dialektik nicht als abgehobene Geistesübung, sondern als dem Leben dazugehörig angesehen wird. „Dialektik mit menschlichem Antlitz“ paßte vielleicht zum Buch - oder auch „humanistischer Kommunist“ für Mucchi, was vielleicht wegen der - nach seinem Verständnis von Kommunismus - enthaltenen Tautologie nicht einmal unwidersprochen bliebe.

Auch nach 1990, im Nachwende-Abschnitt auf den letzten Seiten, bleibt er überzeugter Kommunist und behauptet, daß „sich das historische Ereignis, das von den endlich beruhigten Besitzern des Kapitals und den antikommunistischen Heulern als ‚Zusammenbruch des Kommunismus’ bezeichnet wird, hingegen als Zusammenbruch der falschen Systeme, mit denen der Kommunismus verwirklicht wurde“, erweisen wird. „Nicht aus einem Credo, sondern aus einer Vorstellung von einem rein menschlichen und irdischen sozialen Leben entwickelte der Kommunismus seine Versprechungen für eine ‚künftige Menschheit’.“

Nicht doch so geradlinig, höre ich mich beim Lesen der letzten Seiten zweifeln und bin dann doch eingenommen von der unverschämt sinnlichen Art, wie Mucchi Kommunist ist. Künstlerische Individualität hat er nie irgendeiner Parteidisziplin opfern wollen, stand aber ebenso kritisch dem Narzißmus einiger kommunistischer Künstler gegenüber.

„Jedenfalls konnte unser Eintritt in die Partei während der Resistenza und nach dem Sturz des Faschismus - wenn wir ehrlich waren und die Konsequenzen unseres Schrittes ermessen hatten - nur bedeuten, daß wir mit unseren besten geistigen Kräften, das heißt mit unserer Kunst, für diese Idee, für das ferne, sehr ferne Ziel der sozialen Gerechtigkeit und der Gleichheit der Menschen in ihren Rechten und Pflichten durch die Errichtung des Sozialismus wirkten, und nicht für schnelle Erfolge in der eigenen Karriere. Darüber wurde in den Versammlungen in Mailand und Rom nicht gesprochen.

Statt dessen entfachte sich unter den Genossen schon bald eine Diskussion zwischen der Mehrheit der gegenständlich malenden Künstler und der Minderheit der Abstrakten. Meist beklagten sich die letzteren, die Partei bevorzuge die Gegenständlichen und diskriminiere die Abstrakten. Und vielleicht war es in den ersten Jahren nach dem Krieg auch so.“

Selbstverständlich fordern Mucchis Auffassung über die „reinen Kämpfer“ und die „reine Lehre“, die nur falsch verwirklicht wurde, wie auch andere Auffassungen, zum Beispiel über Realismus und Rationalität in der Malerei, Widerspruch heraus. Aber nicht missionieren wollte Mucchi, sondern eine freie Erzählung seiner „persönlichen Erlebnisse innerhalb des menschlichen, künstlerischen, sozialen, politischen Zeitgeschehens“, das er in Italien und Deutschland miterlebte, schreiben. Und er hofft, daß andere mit ihren eigenen Interpretationen das Geschehen begleiten.

Dazu gibt er ausreichend Gelegenheit. Als die Expressionisten Ende der zwanziger Jahre in Berlin „groß im Schwange“ waren und „alle ein bißchen wie sie malten“, kam Mucchi zu dem Ergebnis, daß seine innerste Welt im Wesen rational war. Sozial engagiert und realistisch wollte Mucchi immer malen, obwohl auch er zum Beispiel eine futuristische Phase nachweisen könnte, hätte er besser auf seine ersten Bilder aufgepaßt. Der diplomierte Bauingenieur und Architekt Mucchi schreibt, daß sein Ingenieurstudium später auch seiner Malerei zustatten kam: „die Gewohnheit, nach einer mathematischen Logik zu denken, die in einem technischen Studium notwendig war“. Wenn das Buch voller mathematischer Logik sein soll, dann muß Mathematik eine sehr erotische Angelegenheit sein. Doch Mucchi weiter: „Aber alles, was eine praktische Anwendung dieses Denkens hätte sein können, blieb mir fremd.“

Die letzten Sätze Mucchis - abgesehen von der „Anmerkung des Autors“ für die deutschen Leserinnen und Leser vom 20. Juni 1997 - heißen konsequent: „Und dennoch, vorwärts! Es ist noch ein bißchen Zeit, sehr wenig, aber nutzbar: für die Arbeit in meinem Mailänder Atelier oder in Berlin. Für die Familie, für die Freunde, für die Genossen. Für neue Ideen.“

Dann folgt noch ein Zitat des französischen Schriftstellers André Maurois: „Das Alter ist eine schlechte Angewohnheit, der sich ein sehr beschäftigter Mensch nicht überlassen kann.“