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Jüdische Theologie an der Universität

                  

Landtagsrede von Gerd-Rüdiger Hoffmann

Warum Jüdische Theologie an der Universität Potsdam?

Rede während der 73. Sitzung des Landtages Brandenburg am 20. März 2013

TOP 3: Gesetzentwurf der Landesregierung „Zweites Gesetz zur Änderung des Brandenburgischen Hochschulgesetzes“ (Drucksache 5/6260), 2. Lesung; Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Wissenschaft, Forschung und Kultur (Drucksache 5/6927) 

"Bisher galt im Land Brandenburg als ausgemachte Sache, dass im Lande keine Theologinnen und Theologen, ganz gleich welcher Religion, an staatlichen Universitäten ausgebildet werden. Mit dieser Entscheidung lag Brandenburg im europäischen Trend, der in aller Abstraktheit als zeitgemäß gelten kann. Sie wissen, es gibt Länder, in denen die Trennung von Staat und Kirche so konsequent durchgesetzt wird, dass es gar nicht möglich wäre, eine bekenntnisorientierte Theologie inmitten einer der Freiheit von Lehre und Forschung verpflichteten staatlichen Universität zu unterstützen. Die Entwicklungen in Nordeuropa sind zurzeit besonders interessant. Dort geht man davon aus, dass ein Bekenntnis zu einem bestimmten Glauben weder für Studierende noch für Lehrende als Kriterium gilt, ob man eine akademische Ausbildung oder eine Lehrtätigkeit anfangen darf oder nicht. Die Befürchtung ist auch, dass die Wissenschaftlichkeit der Universität insgesamt gefährdet sein könnte, dass die Freiheit von Lehre und Forschung Schaden nehmen könnte, wenn andere starke Institutionen - wie es Kirchen in der Regel sind - maßgeblich mitbestimmen können.

Wenn wir uns hier und jetzt darüber streiten, wie es am besten gelingen kann, jüdische Theologie an der Universität Potsdam zu etablieren, dann muss allerdings der konkrete Kontext beachtet werden. Das heißt nun aber nicht, dass damit allein oder vor allem rein rechtliche Fragen gemeint sind, um das Vorhaben juristisch 'wasserdicht' hinzubekommen.

Nein, neben all den verwaltungstechnischen, finanziellen und verfassungsrechtlichen Fragen und einigen Pseudofragen geht es doch hoffentlich vor allem um die politische Zielstellung, um die fachliche, theologische und historische Dimension dieser Aufgabenstellung. Es geht um den konkreten Kontext, der auch eine spezielle Geschichte mit einschließt. Es geht zum Beispiel um seit Mitte des 19. Jahrhunderts formulierte Aufgaben, die jetzt die Chance erhalten als Arbeit angenommen zu werden.

Es geht um das Vermächtnis von Abraham Geiger (1810 – 1874). Ihm ging es darum, beim preußischen Emanzipationsedikt von 1812 nicht stehen zu bleiben. Die Vollendung der Emanzipation könne nur gelingen, wenn die akademische Ausbildung der jüdischen Geistlichen denen der christlichen Theologen gleichgestellt wird. Geiger bezieht sich dabei auf Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768 – 1834) und seinen Kanon protestantisch-theologischer Ausbildung. Auf den ersten Blick passen nun Schleiermacher und Geiger so gar nicht zueinander, schließlich war der Protestant Schleiermacher der Meinung, dass 'das lebendige Christentum in seinem Fortgange gar keines Stützpunktes aus dem Judentum bedürfe.' Beim näheren Hinsehen stellt sich aber heraus, dass Geiger wie Schleiermacher davon überzeugt waren, dass die Religionen auch theologisch auf die zunehmende Vielfalt religiöser Richtungen reagieren müssten. Und so war es wohl durchaus auch im Sinne Schleiermachers, eine jüdische Theologie unabhängig und neben den christlichen Theologien anzuerkennen. Und für Geiger war es möglich, grundlegende Auffassungen Schleiermachers für sein Konzept einer akademischen Rabbinerausbildung mehr oder weniger zu übernehmen.

Wenn wir in Deutschland über Theologie allgemein und speziell über jüdische Theologie reden, gehört auch zum Kontext, dass sich bekenntnisorientierte theologische Fakultäten, trotz der berechtigten Bedenken, immer wieder als Einrichtungen erwiesen haben, die Wissenschaft und kritisches Denken befördern. Ich erinnere mich noch recht gut, welche Debatten es unter uns Philosophen, Afrikawissenschaftler, Arabisten und Semitisten auslöste, als 1983 der Leipziger Theologe Kurt Nowak einen klug zusammengestellten Band mit Schriften Schleiermachers herausbrachte und entsprechend kommentierte.

Was für andere Theologieausbildungen in Deutschland mit Bezug auf Wissenschaftlichkeit gilt, dürfte erst recht für jüdische Theologie gelten. Zu erwarten ist eine Bereicherung angrenzender Wissenschaften. Das mag auch damit zu tun haben, dass Vernunft und Glauben, Freiheit des Wortes und Lust an Disputation einen festen Platz in unterschiedlichen Strömungen des Judentums haben.

Wissenschaftsinterne Gründe, historische Verpflichtung, eine interessante politische Aufgabe und nicht zuletzt Neugierde auf bisher Unbekanntes sprechen dafür, der Empfehlung des Ausschusses für Wissenschaft, Forschung und Kultur zu folgen und zuzustimmen.

Jüdische Theologie wird ein Sonderweg bleiben. Die Schwierigkeiten, die es dabei zweifellos geben wird, sprechen nicht dagegen, sondern eher für diesen 'Sonderweg', für dieses Neuland. Wir beginnen damit einen Prozess, der in der jüdischen wissenschaftlichen Tradition von Disputation, Austausch von Argumenten und Öffnung gegenüber Veränderungen steht."


                  

Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Wissenschaft, Forschung und Kultur

zum Gesetzentwurf "Zweites Gesetz zur Änderung des Brandenburgischen Hochschulgesetzes"

einschließlich einer synoptischen Gegenüberstellung der bisherigen und der neuen Fassung sowie der angenommenen Änderungsanträge

Drucksache 5/6927

                  

Gutachten des Parlamentarischen Beratungsdienstes des Landtags

Hochschulrechtliche Öffnungsklausel für die Einführung bekenntnisgebundener Studiengänge

Rechtsfragen zu § 7a BbgHG-E (LT-Drs. 5/6260)

bearbeitet von Dr. Julia Platter und Daniel Fülling


                  

Abraham Geiger: Vom Wissen zum Glauben

Vortrag und Gespräch

mit Rabbiner Prof. Walter Homolka 

(Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam) 

Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka (stehend) bei seinem Vortrag im bis auf den letzten Platz besetzten Lausitz-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg in Senftenberg (Foto: C. Bürgelt)

Seit einigen Monaten beschäftigen sich die Philosophieabende mit Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann, MdL (Philosoph) mit „Diskreditierten und verleugneten Traditionen kritischen Denkens“ und stellen Personen mit ihrem Leben und Werk vor, die trotz herausragender schriftstellerischer, politischer oder philosophischer Leistungen (heute) kaum bekannt sind.

 

Für die erste Veranstaltung im neuen Jahr hatte Hoffmann einen sehr prominenten Gast für einen Vortrag mit anschließender Diskussion gewinnen können. Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka war nach Senftenberg gekommen, um 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern Abraham Geiger (1810-1874) vorzustellen – einen der wichtigsten Vertreter des Reformjudentums und Mitbegründer der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin.

Rabbiner Homolka steht dem Abraham-Geiger-Kolleg an der Universität Potsdam seit seiner Gründung 1999 als Rektor vor. Dabei handelt es sich um die erste Ausbildungsstätte für Rabbiner auf dem europäischen Festland nach der Schoah. Die Geschichte um die Namensfindung für das Kolleg bildete denn auch den Einstieg in den sehr interessanten Abend, bei dem sehr aktuelle Bezüge zu Tage traten.

Abraham Geiger wuchs in einem sehr orthodoxen Elternhaus aus – und versuchte früh, sich aus der geistigen Enge, deren Grund er im Nicht-Nachdenken sah, zu befreien. Nicht zuletzt gehörte das autodidaktische Erlernen orientalischer Sprachen dazu. Später promovierte er in Orientalistik, eines der wenigen Fächer, die Juden zur damaligen Zeit überhaupt studieren durften. Seine Betrachtungen des Korans gelten als bahnbrechend und als wesentliche Beiträge für den Beginn der Islamwissenschaften. Auch seine Idee vom Gewordensein der hebräischen Bibel gilt als wegweisend.

Abraham Geiger war einer der ersten, die sich aus jüdischer Perspektive mit Jesus Christus beschäftigte – argwöhnisch betrachtet von christlichen Theologen. Homolka, der selbst ein Buch zu Jesus geschrieben hat, konnte anschaulich darstellen, welchen Schwierigkeiten Abraham Geiger im 19. Jahrhundert ausgesetzt gewesen sein muss, wenn denn selbst heute dieser Blickwinkel auf Jesus noch immer kritisch beäugt wird.

Homolka beschrieb eindrücklich die schwierige Situation, in der sich Geiger im 19. Jahrhundert befand, stellte es doch eine besondere Herausforderung dar, seine wissenschaftlichen Arbeiten ohne theologische Ausbildung und ohne Anbindung an eine Universität zu entwickeln – nicht zuletzt in einer Gesellschaft, die die Wertigkeit der jüdischen Religion und Tradition in Abrede stellte und sie erst recht keiner wissenschaftlichen Betrachtung würdigte.

Geigers Lebensaufgabe sollte denn so auch die Etablierung der jüdischen Theologie als Wissenschaft werden. Bereits 1836 hatte er, damals erst 26-jährig, formuliert, dass die Emanzipation der Juden so lange nicht gelingen wird, wie Rabbiner nicht wie evangelische oder katholische Theologen ausgebildet werden – in universitärer Anbindung und mit den selben kritischen Ansatzpunkten. Man müsse, so Geiger, den Dingen auf den Grund gehen – wozu ein umfangreiches Studium der Grundlagen ebenso gehöre wie das der Alternativen.

Für Geiger war es zeitlebens wichtig, sich trotz eines reglementierten Alltags geistig freie Räume zu erarbeiten. Gedacht werden kann alles, nur muss es sich dann im Streit der Argumente beweisen. „Durch Erforschung des Einzelnen zur Erkenntnis des Allgemeinen, durch Kenntnis der Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart, durch Wissen zum Glauben“, so hatte Geiger seinen Ansatz formuliert – der heute auch Leitspruch des Abraham-Geiger-Kollegs ist.

Zwar gelang es, 1872 die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin zu gründen, allerdings nicht als Teil der damaligen Friedrich-Wilhelm-Universität.

Dies soll nun, über 175 Jahre nach der von Geiger geforderten Gleichberechtigung der Ausbildung für das geistige Amt, in Brandenburg mit der Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät realisiert werden.

Die anschließende Diskussion griff denn auch diesen aktuellen Bezug ebenso auf wie die Antisemitismus-Debatte und den kritischen Umgang mit Israel.

Homolka zeigte sich über den großen Zuspruch zu der Veranstaltung und die rege Diskussion erfreut: „Geiger ist nun in Senftenberg bekannter als in den meisten anderen Städten.“ Für ihn war mit dem Philosophiekurs zudem „Geigers Tag“ angebrochen. Am folgenden Mittag beschäftigte sich der Wissenschaftsausschuss des Landtags Brandenburg nämlich mit einem Entwurf zur Änderung des Brandenburgischen Hochschulgesetzes, der die Einführung einer jüdisch-theologischen Fakultät an der Universität Potsdam ermöglichen soll, damit die Rabbinerausbildung vollständig an die Universität anbindet und Geigers Wunsch nun endlich in Erfüllung geht.


                  

Protokollauszug zur 1. Lesung im Landtag

des Gesetzentwurfes "Zweites Gesetz zur Änderung des Brandenburgischen Hochschulgesetzes"


                  

Gesetzentwurf der Landesregierung

Zweites Gesetz zur Änderung des Brandenburgischen Hochschulgesetzes

Drucksache 5/6260

                  

Ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Kultur

Protokollauszug zum "Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg"

Zu TOP 2: Schriftlicher Bericht der Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur zum geplanten Aufbau eines Zentrums für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg


                  

Beschluss des Landtags

"Rabbinerausbildung in Brandenburg stärken"

Drucksache 5/4762-B


                  

Debatte im Plenum

zum Antrag "Rabbinerausbildung in Brandenburg stärken"

Plenarprotokoll 50

TOP 9: Rabbinerausbildung in Brandenburg stärken

Antrag der Fraktion der SPD, der Fraktion DIE LINKE, der Fraktion der FDP, der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Drucksache 5/4762

Entschließungsantrag der Fraktion der CDU - Drucksache 5/4803

Redner/innen: Jürgens, Peer (DIE LINKE) S. 4178-4179; Heinrich, Anja (CDU) S. 4179-4180; Melior, Susanne (SPD) S. 4180-4181; Büttner, Andreas (FDP) S. 4181-4182; Halem, Marie Luise von (GRÜNE/B90) S. 4182; Kunst, Prof. Dr. Dr. Sabine (Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur) S. 4183


                  

Entschließungsantrag der CDU

zum Antrag "Rabbinerausbildung in Brandenburg stärken"

Drucksache 5/4803

                  

Antrag der Fraktion der SPD, der Fraktion DIE LINKE, der Fraktion der FDP, der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

"Rabbinerausbildung in Brandenburg stärken"

Drucksache 5/4762

                  

Antwort der Landesregierung

Erhalt der Rabbinerausbildung in Brandenburg

auf eine Mündliche Anfrage

des Abgeordneten Peer Jürgens (DIE LINKE)

                  

Ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Kultur

Protokollauszug

TOP 5: Information der Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur über die rechtlichen, finanziellen und politischen Perspektiven für die Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät sowie der Errichtung der Lehrstühle für jüdische Religionsphilosophie und Religionsgeschichte an der Universität Potsdam

(Antrag der Fraktion der CDU vom 13.01.2012)


                  

Antwort der Landesregierung

Rabbinerausbildung in Brandenburg

auf eine Mündliche Anfrage

der Abgeordneten Klara Geywitz (SPD)