Senftenberg liest 2009
Erwin Strittmatter
"2008 ging es bei „Senftenberg liest“ auch um eine Rede von Erich Kästner, die er 1958 anlässlich des 25. Jahrestages der nationalsozialistischen Bücherverbrennung gehalten hatte. Dort heißt es: „Warum mische ich mich unter die Bekenner? Weil, immer wenn von der Vergangenheit gesprochen wird, auch von der Zukunft die Rede ist. Weil keiner unter uns und überhaupt niemand die Mutfrage beantworten kann, bevor die Zumutung an ihn herantritt. Keiner weiß, ob er aus dem Stoffe gemacht ist, aus dem der entscheidende Augenblick Helden formt.“ Erwin Strittmatter, so wissen die Kenner seiner Bücher, hat dieses Nichtheldentum zum Stoff seiner Auseinandersetzung mit dem richtigen Leben als Literat gemacht. Es geht nicht darum, jeden Zweifel an einem großen Schriftsteller pauschal zurückzuweisen. Aber Falsches, das kampagnenartig daherkommt, muss zurückgewiesen werden. Und, mit Kästners Satz im Gedächtnis, wie kleinlich erscheint dann so mancher jüngst erhobene Vorwurf gegenüber Erwin Strittmatter. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, so lautet ein immer wieder zitiertes Diktum des Philosophen Theodor W. Adorno aus seinem Werk „Minima Moralia“, das er kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges veröffentlichte. Das alles bedenkend, bleibt noch immer viel Nachdenkenswertes. So mancher wird auch zweifeln. Dennoch, so meinen die Initiatoren von „Senftenberg liest“, ist es eine gute Idee, sich in diesem Jahr mit Strittmatter zu beschäftigen. Denn: Erstens zeigen Leben und
Werk Strittmatters – ja, auch und vor allem sein Werk – dass deutsche Biografien dieser Generation wohl nie in schwarz oder weiß zu haben sind. Das Widersprüchliche wird in den meisten Fällen bleiben und muss angenommen und natürlich auch angemessen reflektiert werden. Zweitens ist er ein großer Schriftsteller, kein „Heimatdichter“ und literarisch überhaupt nicht erledigt, wie ein wichtigtuerischer Zeitungsschreiber es behauptete. Wir lesen selber! Strittmatter! Und dann bilden wir uns eine Meinung – jeder seine für sich und manchmal auch eine gemeinsam. Viel Freude dabei wünsche ich uns allen." Dr. Gerd-Rüdiger Hoffmann, MdL
Der Autor: Erwin Strittmatter (1912 – 1994)
Erwin Strittmatter wurde am 14. August 1912 in Spremberg als Sohn des Bäckers Heinrich und seiner Frau Pauline Helene geboren und verbrachte seine Kindheit in Graustein und in Bohsdorf. Er verließ das Gymnasium in Spremberg vorzeitig und begann er mit 17 Jahren eine Bäckerlehre. Später war er auch als Kellner, Chauffeur, Tierwärter und Hilfsarbeiter tätig. Im Zweiten Weltkrieg wurde er Soldat und kam in verschiedene Länder. Um die genauen Begebenheiten und Einsätze Strittmatters in dieser Zeit sowie seine spätere Auseinandersetzung damit dreht sich die gegenwärtige Debatte. Gegen Ende des Krieges desertierte Strittmatter. Zwischen 1947 und 1950 war er als Redakteur für die „Märkische Volksstimme“ in Senftenberg tätig und verfasste dabei auch Theaterkritiken. Hier erschien auch der Erstabdruck seines Romans „Ochsenkutscher“. Er war Mitglied des Berliner Ensembles und lebte seit 1954 als freier Schriftsteller, später auch als Pferdezüchter in Schulzenhof bei Gransee. Trotz Auseinandersetzungen mit der SED erhielt Erwin Strittmatter hohe Ehrungen, z.B. mehrfach den Nationalpreis der DDR. Seine Bücher wurden in etwa 40 Sprachen übersetzt. Er starb am 31. Januar 1994.

