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Biographische Notizen zu den Personen, an die mit Stolpersteinen in Senftenberg erinnert wird

Verlegung von sechs STOLPERSTEINEN am 10. Juli 2007

  • Siegfried Marcus
  • Otto Müller
  • Wladislaus Pawlitzki
  • Dr. Rudolf Reyersbach
  • Meta Sachs
  • Leo Zellner

Verlegung von acht STOLPERSTEINEN am 22. März 2011

  • Rosalie Goldemann
  • Ernestine Grünzeug
  • Nathan Klein
  • Herbert Loewy
  • Herta Röstel
  • Marianne Seidel
  • Dora Singermann
  • Astrid Zellner

Verlegung von sieben STOLPERSTEINEN am 11. November 2016

  • Charlotte „Lotte“ Jacobowitz (verh. Caspi)
  • Günther  Stefan Jacobowitz (Shlomo „Mutz“ Jacobi)
  • Lea Elisa Jacobowitz
  • Max Jacobowitz
  • Edith  Marcus
  • Else Marcus
  • Ludwig Marcus

 

Bahnhofstraße 22, 01968 Senftenberg


Rosalie Goldemann

Bahnhofstraße 22, Senftenberg

Stolperstein verlegt am 22. März 2011

Rosalie Goldemann wurde am 27. Dezember 1879 in Preußisch-Friedland (im heutigen Polen) geboren. Die gelernte Putzmacherin und ihre Schwester Clara, die Schneiderin war, kamen als junge Frauen nach Senftenberg. Mindestens seit 1913 - vermutlich aber schon eher - betrieben sie hier ein Putz- und Modewarengeschäft – zunächst in der Bahnhofstraße 28 und dann in der Bahn-hofstraße 22, wo sie auch wohnten.

Clara Goldemann starb am 3. März 1920 und ist auf dem jüdischen Friedhof in Cottbus beerdigt worden. Nach dem Tod ihrer Schwester führte Rosalie Goldemann das Geschäft allein weiter. Wahrscheinlich flüchtete sie zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur in die Gegend ihrer Kindheit. 1934 ist weder eine Wohn- noch eine Geschäftsadresse für Rosalie Goldemann im Adressbuch der Stadt Senftenberg zu finden.

Am 12. Februar 1940 wurde Rosalie Goldemann von Stettin nach Belzyce deportiert. Danach verlieren sich ihre Spuren.

 

Bahnhofstraße 23, 01968 Senftenberg


Ernestine Grünzeug

Bahnhofstraße 23, Senftenberg

Stolpersteine verlegt am 22. März 2011

Ernestine Grünzeug wurde am 26. Oktober 1898 als drittes von sechs Kindern des Fabrikteilhabers Heinrich Grünzeug und seiner Frau Eva, geborene Klein, in München geboren. Sie erhielt eine Ausbildung als Modistin (Putzmacherin) und Wirtschafterin. Während der NS-Zeit war sie einige Jahre bei ihrem Onkel Nathan Klein, der in der Bahnhofstraße in Senftenberg ein Bekleidungsgeschäft betrieb, als „ledige Haustochter“ tätig.

Ernestine Grünzeug war von den grausamen Ausschreitungen während des Novemberpogroms in Senftenberg betroffen. Selma Rosenzweig erinnerte sich später, dass die SA Feuer im Textilgeschäft von Nathan Klein legte. Sie sagte weiterhin: „Dessen Nichte (gemeint ist Ernestine Grünzeug) nahmen sie mit unter Johlen und Geschrei, legten ihr eine Drahtschlinge um den Hals und
zogen sie […] bis auf den Markt.“

Ernestine Grünzeug bemühte sich 1939 vergeblich um eine Ausreise nach Holland. So zog sie zu ihrer Schwester Bella Körber nach München. Schon bald mussten beide in ein Internierungslager umziehen. Am 4. April 1942 wurde Ernestine Grünzeug vom Münchner Barackenlager Knorrstraße nach Piaski deportiert. Ihr Todesort und ihr Todesdatum sind unbekannt.

 

Nathan Klein

Bahnhofstraße 23, Senftenberg

Stolpersteine verlegt am 22. März 2011

Nathan Klein wurde am 11. Januar 1871 als viertes von acht Kindern des Viehhändlers Aron Löb Klein und dessen Frau Sophie im bayrischen Urspringen geboren.

Vermutlich kam er kurz nach seiner Ausbildung nach Senftenberg, wo er über Jahrzehnte ein Bekleidungskaufhaus betrieb. Sein Name steht auch auf der Urkunde anlässlich der Grundsteinlegung für die Cottbuser Synagoge vom 3. Juli 1901.

Seine Frau Ida Klein, geborene Eichenbronner, verstarb am 26. Juni 1936 in Senftenberg. Zu dieser Zeit lebte bereits seine Nichte Ernestine Grünzeug bei ihm. Er selbst hatte keine Kinder.

Sein Bekleidungsgeschäft musste Nathan Klein im Herbst 1938 verkaufen. Er reiste am 20. April 1939 nach Palästina aus, zunächst nach Haifa und lebte dann in Tel-Aviv. Dort starb er am 18. März 1944 im Alter von 73 Jahren.

 

Calauer Straße 29, 01968 Senftenberg


Wladislaus Pawlitzki

Calauer Straße 29, Senftenberg

Stolperstein verlegt am 10. Juli 2007

Wladislaus Pawlitzki wurde am 9. September 1895 in Wissensee als Sohn eines Landarbeiters geboren. Mit 17 Jahren kam er nach Hörlitz und arbeitete als Häuer in der Grube „Marga“. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg. Als Mitglied der Gewerkschaft, der USPD, später KPD und  Betriebsratsvorsitzender organisierte und leitete Wladislaus Pawlitzki Streiks. Er wurde zu Haftstrafen verurteilt, verlor mehrmals seine Arbeit und war dann als Friedhofsarbeiter, im Steinbergwerk Koschenberg, als Häuer in der Grube „Berta“ bzw. als Gärtner im Krankenhaus tätig. Später wurde er Mitglied der SPD und Bezirksleiter des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, das sich intensiv mit den Nazis auseinandersetzte.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde Wladislaus Pawlitzki vom Dienst suspendiert, mit anderen Genossen in der Turnhalle der Schule I eingesperrt und misshandelt. Während der Nazizeit wurde er mehrmals verhaftet. Im September 1939 wurde Wladislaus Pawlitzki in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert und dort am 24. Januar 1940 erschossen.

Seine Frau Stanislawa Pawlitzki erhielt keinerlei Unterstützung für sich und die vier Kinder. Sie war erwerbsunfähig, wurde aber zur Arbeit gezwungen.

 

Eisenbahnstraße 20, 01968 Senftenberg


Herta Röstel

Eisenbahnstraße 20, Senftenberg

Stolpersteine verlegt am 22. März 2011

Herta Röstel wurde am 9. Februar 1900 in Sonnenburg/Ost-Sternberg geboren. Sie lebte zusammen mit dem Kaufmann Leo Zellner und der gemeinsamen Tochter Astrid in der Eisenbahnstraße 20 in Senftenberg. Die Kinder aus der Nachbarschaft nannten sie „Frau Zellner“.

Herta Röstel war keine Jüdin. Sie weigerte sich, sich von ihrem jüdischen Lebensgefährten zu trennen. Davon ließ sie sich auch nicht abbringen, als sie 1936 und beim Pogrom im November 1938 gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten und ihrer Tochter verhaftet wurde. Als die betrunkenen SA-Leute am 10. November 1938 brutal gegen Leo Zellner vorgingen, warf sie sich schützend über ihren Mann und wurde so schwer misshandelt, dass sie von da an krank war und schließlich am 26. April 1941 in einem Berliner Krankenhaus an den Spätfolgen starb.

 

Astrid Zellner

Eisenbahnstraße 20, Senftenberg

Stolpersteine verlegt am 22. März 2011

Astrid Zellner wurde am 12. Februar 1926 in Senftenberg geboren. Mit ihren Eltern Herta Röstel und Leo Zellner lebte sie in der Eisenbahnstraße 20. Von 1933 bis 1937 besuchte sie die Volksschule (Schulen I und III) und ab 1937 das Lyzeum in der Rathenaustraße. Wegen ihrer sehr guten Leistungen durfte Astrid Zellner eine Klasse überspringen.

Während des Pogroms 1938 wurde sie von Mitschülern misshandelt und aus der Schule gejagt. Kurz darauf erfolgte der offizielle Verweis von der Schule. Gemeinsam mit ihren Eltern wurde Astrid Zellner – nach 1936 – erneut verhaftet. Im Gegensatz zu ihr und ihrer Mutter wurde ihr Vater vermutlich nicht mehr aus der Haft entlassen. Daher zogen Astrid und ihre Mutter nach Berlin, wo Astrid bis 1940 jüdische Schulen besuchen konnte. Ihr Vater starb am 16. März 1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen. Als Herta Röstel am 26. April 1941 an den Spätfolgen des Pogroms starb, war Astrid gerade einmal 15 Jahre alt – und hatte innerhalb von 13 Monaten Vater und Mutter verloren.  Ihre Tante Alma Röstel wurde zu ihrem Vormund bestimmt. Für kurze Zeit wohnte sie bei ihr in Cottbus. Sie besorgte ihr auch eine Stellung auf einem Gut in der Nähe von Cottbus.

Am 24. August 1942 wurde Astrid Zellner zum dritten Mal verhaftet; dieses Mal, um nach Theresienstadt deportiert zu werden. Sie überlebte die NS-Zeit, da sie fliehen konnte und auf dem Gut bei Cottbus Unterschlupf fand.

 

Leo Zellner

Eisenbahnstraße 20, Senftenberg

Stolperstein verlegt am 10. Juli 2007

Der jüdische Kaufmann und Makler Leo Zellner wurde am 10. Oktober 1877 in Ostrowo geboren. Spätestens seit 1901 hat er in Senftenberg gelebt, denn als Vertreter aus Senftenberg findet sich seine Unterschrift auf der Urkunde anlässlich der Grundsteinlegung für den Synagogenbau in Cottbus vom 3. Juli 1901. Auch 1914 sind die Namen Joseph (wahrscheinlich sein Vater) und Leo Zellner im Senftenberger Adressbuch verzeichnet. Sie wohnten mit ihrer Familie in der Wiesenstraße 12 (heute Joachim-Gottschalk-Straße), wo Joseph Zellner eine Fahrrad- und Nähmaschinenhandlung sowie einen Fahrradversand betrieb. Zu dieser Zeit war Leo Zellner mit Berta verheiratet. Die Ehe wurde vermutlich Mitte der 1920er Jahre geschieden. Berta Zellner zog mit der gemeinsamen Tochter Alice (geboren 1912) nach Berlin. 1943 wurde sie in Theresienstadt ermordet. Die Tochter Alice und deren drei Jahre altes Kind wurden 1944 in Auschwitz vergast. 

1922 wohnte Leo Zellner in der Gartenstraße 35. Später erwarb er eine Haushälfte in der Eisenbahnstraße 20, wo er mit Herta Röstel in eheähnlicher Gemeinschaft lebte. Am 12. Februar 1926 wurde ihre gemeinsame Tochter Astrid geboren.

Am 10. November 1938 wurden Leo Zellner, der infolge eines Unfalls an Arm und Beinen beschädigt war, und Herta Röstel, die ihm zu Hilfe kam, von Nazischlägern misshandelt. Leo Zellner wurde wie seine Frau und seine Tochter verhaftet, allerdings nicht mehr aus der Haft entlassen. Wahrscheinlich war er aufgrund des „Gesetzes zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ vom 15. September 1935, welches den außerehelichen Verkehr zwischen Juden und Nichtjuden unter Androhung von Gefängnis- und Zuchthausstrafen bei Zuwiderhandlung verbot, verurteilt worden. Vom Gefängnis aus setzte er seine Bemühungen fort, Herta Röstels Lebensunterhalt durch Aufnahme einer Hypothek zu ihren Gunsten zu sichern. Nach seinem Tod wurde die Haushälfte in der Eisenbahnstraße jedoch enteignet und verkauft.

Am 22. Februar 1940 wurde Leo Zellner in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, wo er am 16. März 1940 verstarb. In der Sterbeurkunde steht als „Todesursache: Grippe, Lungenentzündung.“

 

Fichtestraße 12, 01968 Senftenberg


Siegfried Marcus

Fichtestraße 12, Senftenberg

Stolperstein verlegt am 10. Juli 2007

Siegfried Marcus wurde am 7. Oktober 1882 in Posen (heute Polen) geboren. Wahrscheinlich war er der Bruder von Ludwig Marcus, geboren am 27. Oktober 1885 in Posen, der in der Senftenberger Bahnhofstraße 28 ein Schuhgeschäft betrieb.

Beim Pogrom am 10. November 1938 wurde die Familie Marcus – wie die anderen jüdischen Einwohner Senftenbergs - aus ihrer Wohnung in der Fichtestraße gezerrt, zum Markt getrieben und Ludwig Marcus öffentlich misshandelt.
Vermutlich seit jenem Tag mussten Ludwig, seine Frau Else, geborene Jacobowitz, und Siegfried Marcus in der Baracke in der Sternstraße wohnen. Zur Volkszählung am 17. Mai 1939 wurde diese Baracke, im Juli desselben Jahres diejenige in der Forststraße als ihre gemeinsame Adresse angegeben.

Ludwig und Else Marcus gelang es noch 1939, Deutschland zu verlassen. Am 29. Juli reisten sie nach Shanghai/China aus. Als Begleitperson ist die Tochter Edith, geboren am 5. Januar 1923 in Senftenberg, angegeben.

Siegfried Marcus, ein Pflegefall, konnte jedoch nicht mit. Er war zwei Tage zuvor in einer jüdischen Pflegestelle in Berlin untergebracht worden. Am 29. März 1942 musste Siegfried Marcus seine Vermögenserklärung schreiben. Vier Tage später wurde er ins Warschauer Ghetto deportiert. Das genaue Todesdatum ist nicht bekannt.

 

Markt, 01968 Senftenberg


Herbert Loewy

Markt, ehemals Markt 5, Senftenberg

Stolperstein verlegt am 22. März 2011

Herbert Loewy wurde am 9. August 1889 in Schwedt geboren. Er war Amtsgerichtsrat und wurde zum September 1933 als Richter vom Amtsgericht Belzig an das Amtsgericht Senftenberg versetzt.

Rechtsanwalt Hausten, Leiter des nationalsozialistischen Juristenbundes im Landgerichtsbezirk Cottbus schrieb dazu nach Berlin: „Meines Erachtens ist es auch bedenklich, dass der jüdische Amtsgerichtsrat Loewy nach Senftenberg versetzt ist. Es ist ja nicht ausgeschlossen, dass dieser jüdische Amtsgerichtsrat, den ich nicht kenne und über den mir bisher nichts Nachteiliges berichtet worden ist, mit dem jüdischen Rechtsanwalt Dr. Reyersbach und Samulon irgend eine Zelle bildet, die im Staatsinteresse besser in Senftenberg vermieden wird.“ Das Ministerium setzte Herbert Loewy trotz dieser Bedenken nach Senftenberg um.

Er wohnte im Hotel „Goldene Sonne“ am Markt 5, später zog er in die Wiesenstraße 1a (heutige Joachim-Gottschalk-Straße). Am 30. September 1935 wurde er wie alle noch im Dienst befindlichen jüdischen Beamten „beurlaubt“ und erhielt zum 1. Januar 1936 Berufsverbot.

Am 6. März 1943 wurde Herbert Loewy von Berlin aus nach Auschwitz deportiert.

 

Marianne Seidel

Markt [ursprünglich: Aussichtspunkt Reppist]

Stolpersteine verlegt am 22. März 2011

Marianne Seidel wurde am 7. Dezember 1896 als Marianne Karpinski in Lippusch, Kreis Berent (Westpreußen), geboren. Sie wohnte seit ihrer Hochzeit im Jahr 1914 mit dem Bergmann Otto Seidel in Senftenberg in der Cäcilienstraße 10 (der späteren Marianne-Seidel-Straße) in Senftenberg-Flur.

Als Mitglied der SPD und Stadtverordnete engagierte sie sich für die Ärmsten der Gesellschaft. Als Fraktionsführerin der SPD im Kreis Calau wurde Marianne Seidel kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verhaftet. Infolge der Schikanen im Schutzhaftlager erkrankte die schwangere Frau und Mutter von vier Kindern schwer und wurde aus der Untersuchungshaft ins Krankenhaus verlegt, wo sie am 10. Juli 1933 im Alter von 36 Jahren verstarb. Ihre Beerdigung fand eine große Anteilnahme, sehr viele Senftenberger gaben ihr beim Trauerzug Geleit.
 

Dora Singermann

Markt [ursprünglich: Aussichtspunkt Reppist]

Stolpersteine verlegt am 22. März 2011

Dora Singermann wurde als Dora Plotzke am 30. April1875 in Domie Lodz geboren. Sie hatte keinen Beruf erlernt und lebte kinderlos und getrennt von ihrem Ehemann in der Talstraße 4 in ärmlichen Verhältnissen. Es gab in Senftenberg keine Verwandten, die sich um sie kümmerten. Sie war staatenlos, ihren Fremdenpass hatte sie als jüdische Kennkarte bei sich zu tragen.

Auch Dora Singermann wurde während des Novemberpogroms 1938 schwer misshandelt. Selma Rosenzweig berichtete später darüber: „die alte […] Frau Singermann zogen die Banditen mit einem Handwagen unter Gebrüll und Geschrei, warfen sie oftmals um, und sie musste unter Schlägen wieder reinkriechen.“ Weiter führte Frau Rosenzweig aus, dass Dora Singermann, deren Kleider die Nazis zerrissen hatten, in die schwarze Baracke in der Forststraße gebracht wurde. Sie ging zu ihr und versprach ihr, Garn zum Flicken ihrer Kleidung zu besorgen. „Ich war auf dem Weg zu ihr mit dem Garn. Da treffe ich sie in der Bahnhofstraße, diese alte, gebrechliche Frau Singermann. Sie wurde von zwei Polizisten abgeführt. Vor ihr marschierte einer mit aufgepflanztem Gewehr, sie in der Mitte und hinter ihr auch ein Polizist mit aufgepflanztem Gewehr. Würde von diesem Anblick ein Foto bestehen, es würde ein ewiger Schandfleck für Senftenberg sein […].“

Seit dem 1. Oktober 1941 musste Dora Singermann in der Baracke in der Forststraße wohnen. Am 30. März 1942 wurde ihr geringes Vermögen eingezogen, sie in ein Sammellager nach Frankfurt/Oder gebracht und vermutlich am 2. April 1942 von dort über Berlin ins Warschauer Ghetto deportiert.
 

Steindamm 17, 01968 Senftenberg


Dr. Rudolf Reyersbach

Steindamm 17, Senftenberg

Stolperstein verlegt am 10. Juli 2007

Rudolf Reyersbach wurde am 17. Februar 1897 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Cottbus geboren. Nach der Reifeprüfung diente er als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg. Er studierte Jura und begann im Juli 1921 seine Tätigkeit als Referendar in Cottbus. Am 12. Juli 1924 wurde er Assessor, und am 27. April 1925 verlieh man ihm den Titel „Doktor der Rechte“.

In Senftenberg war Dr. Reyersbach seit dem 6. Oktober 1925 als Rechtsanwalt und seit dem 28. Januar 1926 als Notar tätig. Sein sachliches Auftreten vor Gericht sowie sein menschliches Verhalten brachten ihm Achtung und Anerken-nung in den verschiedensten Kreisen der Bevölkerung ein.

Am 1. April 1933 wurde den Juristen jüdischer Herkunft die Ausübung ihres Berufes verboten. Aufgrund des § 3 des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 konnte Dr. Reyersbach weiter praktizieren, da er Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen war. Vorher musste er aber einen Antrag auf „Wiederzulassung“ stellen, in dem er seine Loyalität  zur „Regierung der nationalen Einheit“ zu erklären und die „jetzt bestehende Lage“ als „für sich rechtsverbindlich“ anzuerkennen hatte. Kurz nach der „Wiederzulassung“ musste sich Dr. Reyersbach, welcher der SPD nahe stand, gegen ein erneutes „Vertretungsverbot“ wehren. Mitglieder der Senftenberger NSDAP hatten ihn beim Justizministerium als „national unzuverlässig“ denunziert, um ein Berufsverbot zu erreichen. Juristen und Senftenberger Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie der Evangelische Gemeindekirchenrat schrieben „Unbedenklichkeitserklärungen“ für ihn, sodass er schließlich wieder praktizieren durfte. Am 25. Juli 1933 wurde Dr. Reyersbach gemäß § 4 des o. g. Gesetzes jedoch als Notar entlassen. 

Dr. Reyersbach war in Nazikreisen gehasst, da er linksorientierte Personen in Prozessen gegen Nazis verteidigt hatte, und es gab Tätlichkeiten gegen ihn. Der „Senftenberger Anzeiger“ vom 20. März 1933 informierte: „Im Hause des Rechtsanwalts Dr. Reyersbach wurden in letzter Nacht Fensterscheiben eingeworfen.“  Die Ausschreitungen gegen Dr. Reyersbach eskalierten beim Pogrom am 10. November 1938, als die jüdischen Bürger Senftenbergs aus den Wohnungen gezerrt und auf dem Markt zusammengetrieben wurden. Dr. Reyersbach wurde bestialisch zu Tode gequält. Seine nicht jüdische Ehefrau Martha Reyersbach, geborene Maenz, und sein 1931 geborener Sohn Walter überlebten in Deutschland. Seine Mutter Valeska sowie die Schwestern Marianne und Henny wanderten nach Guatemala aus und lebten später in der Schweiz.

Der Stolperstein für Dr. Reyersbach ist vor dem Haus am Steindamm 17 (ehemals Dresdener Straße 1) verlegt worden, in dem die Familie Reyersbach zur Miete wohnte. Dort befand sich auch die Anwaltskanzlei. 1937 sah sich die Familie gezwungen, diesen bevorzugten Wohnsitz zu verlassen und in die Annastraße 9 (heute Reyersbachstraße) zu ziehen. Seine Kanzlei verlegte Reyersbach im Oktober 1937 in die Bahnhofstraße 5 (heute Enge Bahnhofstraße).

 

Taubenstraße 4, 01968 Senftenberg


Meta Sachs

Taubenstraße 4, Senftenberg

Stolperstein verlegt am 10. Juli 2007

Meta Sachs wurde am 16. März 1880 in Coswig geboren. Seit 1937 wohnte sie in der Taubenstraße 4 in einer Wohnung mit ihrem Bruder Theodor Sachs, geboren am 27. Dezember 1875 in Berlin, und dessen Frau Emilie. Vermutlich war Meta Sachs nach Senftenberg gekommen, weil ihr Bruder sowie ihre Schwester Elisabeth hier lebten. Elisabeth war verheiratet mit dem Drogisten Walter Ketschau, Inhaber der Germania-Drogerie in der Bahnhofstraße 5 (heute Enge Bahnhofstraße).

Meta Sachs war nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Sie gehörte der Evangelischen Kirche an und war im Alter von drei Monaten getauft worden. Wegen ihrer jüdischen Abstammung waren sie und ihre Geschwister denselben Repressalien ausgesetzt wie die gläubigen Juden.

Am 7. April 1943 musste sie ihre Vermögenserklärung schreiben. Alles, was sie noch besaß, wurde eingezogen. Am nächsten Tag wurde sie in ein Sammellager nach Nauendorf auf dem Sande und am 19. April weiter von Berlin nach Auschwitz deportiert. Ihr Bruder Paul Sachs aus Berlin suchte noch 1949 nach ihr. Ihre Geschwister überlebten, da deren Ehepartner weder jüdischen Glaubens noch jüdischer Abstammung waren und in der NS-Zeit zu ihnen hielten.
 

Otto-Müller-Straße 5, 01968 Schipkau


Otto Müller

Otto-Müller-Straße 5, Hörlitz

Stolperstein verlegt am 10. Juli 2007

Otto Müller wurde am 9. Juli 1893 in Senftenberg geboren. Er stammte aus einer Arbeiterfamilie und arbeitete als Graugussformer.

Er war Mitglied der Gewerkschaft und ein leitender Funktionär der Ortsgruppe Senftenberg der KPD. Er setzte seine ganze Kraft für eine Einheitsfront gegen die Nationalsozialisten ein und nach deren Machtübernahme sein Leben. So organisierte er die Verbreitung von Flugschriften wie „Görings Hungerplan“ und „Pestgestank über Deutschland“ und leitete ab Juli 1933 die illegale Arbeit gegen die Faschisten im Braunkohlenrevier.

Am 27. Juni 1934 wurde Otto Müller verhaftet. Er blieb standhaft und verriet niemanden bei den Verhören, aber schließlich hatte er nicht mehr die Kraft, diese weiter zu ertragen. Am 21. Oktober 1934 flüchtete er in den Tod.

In seiner Kleidung fand seine Frau einen Zettel mit den Worten: „Liebe Marie, liebes Klärchen! Seid mir bitte nicht böse, ich kann nicht anders. Liebe Grüße, Euer Papa.“